13. Januar 2013, 18:38 Uhr

Berührend: »Kleiner Mann - was nun?« in Frankfurt

Henrike Johanna Jörissen und Nico Holonics lassen keinen kalt in Michael Thalheimers Inszenierung des Fallada-Romans für die Bühne.
13. Januar 2013, 18:38 Uhr
Blicken angstvoll in die Zukunft: Lämmchen (Henrike Johanna Jörissen) und Pinneberg (Nico Holonics). (Foto: Birgit Hupfeld)

Da steht sie an der Rampe, eine bleiche junge Frau mit großen Augen, hängenden Schultern und einer abgewetzten Strickjacke. Ganz still äugt sie ins Publikum, vorsichtig, ein wenig unsicher. Als sich schließlich ein inniges Lächeln auf ihrem Gesicht breitmacht, scheint die Sonne aufzugehen, selbst in den hintersten Reihen des Frankfurter Schauspielhauses. Sie denkt an das Kind, das in ihrem Bauch heranwächst. Das ist er, ein typischer, scheinbar endlos dauernder Thalheimer-Moment, eines jener Ausrufezeichen, die ihn unverwechselbar machen. Sein Interesse an Hans Falladas berühmtesten Roman »Kleiner Mann – was nun?« gilt Emma Mörschel, genannt Lämmchen« und ihrem tapferen Sich-nicht-unterkriegen-lassen. Mit Henrike Johanna Jörissen ist das treuherzige Lämmchen schlicht ideal besetzt. Ihre naive Unschuld, ihre pure Lebensfreude, ihr schrecklich stiller Zusammenbruch – »Ich kann nicht mehr trösten« – lassen keinen kalt.

Die Aktualität des Romans verblüfft. Obwohl vor 80 Jahren erschienen, lassen sich viele Wirtschaftsinstrumentarien wiedererkennen, die auch heute kleine Angestellte knebeln: Pflichtverkaufsquoten, Konkurrenzdruck, Erpressung und Vetternwirtschaft.

An der Seite Jörissens brilliert Nico Holonics in der Rolle Hannes Pinnebergs. Hektisch strampelnd wie die Fliege im Spinnennetz versucht er sich aus der Abwärtsspirale von Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg, enttäuschten Hoffnungen und Trostlosigkeit zu befreien. Es ist schmerzhaft mit anzusehen, wie seine ausufernden Bewegungen immer hilfloser, immer verzweifelter, schließlich abgestumpfter werden. Höhepunkt und komödiantisches Bravourstück ist das Verkaufsgespräch in der Ausstatter-Herrenabteilung. Holonics mimt drei Rollen gleichzeitig und kann die hysterische Drehzahl ins schier Unermessliche steigern.

Gemeinsam verkörpern die beiden eines der tragischsten Liebespaare der sozialkritischen Literatur. Anfangs noch zuversichtlich versuchen sie den Widrigkeiten der großen Wirtschaftskrise die Stirn zu bieten – und verlieren. Zumindest in der Fassung Thalheimers, der dem vorsichtigen Happy End des Romans misstraut. Statt eines erneuten Bekenntnisses zur Liebe im Laubenidyll zeigt er einen pessimistischen Schluss, der wesentlich zwingender überzeugt. Hannes Nerven versagen, nachdem ihn die Polizei zusammengeschlagen hat. Im Schattenriss deutet Thalheimer an, dass die soziale Not den kleinen Mann dazu bringen könnte, sein Lämmchen aus lauter Verzweiflung zu opfern.

Während das Liebespaar vorne an der Rampe hofft, kämpft, lacht und schlottert, baut Thalheimer die feindliche Umwelt als mächtigen Tsunami im dunklen Hintergrund auf. Die Bühne Olaf Altmanns steigt steil an, auf dem oberen Plateau platzieren sich die übrigen Romanfiguren. Skurril überzeichnet gebärden sie sich in den schrillen Kostümen Nehle Balkhausens als seien sie einem George-Grosz-Bild entsprungen. Dem Frankfurter Ensemble gelingen, teils in Mehrfachbesetzung, packende soziale Skizzen. Andreas Uhse als glatzköpfige verzweifelte Witwe Scharrenhöfer gehört dazu, ebenso Anne Schirmachers greinendes Mauerblümchen Marie, »die olle Schneppe«, und – von der schmierigen blonden Haartolle bis zum verhaltenen Zuhältergebaren: Michael Benthin als Jachmann. Gemeinsam sind sie der Chor. Sie flüstern, singen, schreien, und brausen auf als tödliche Bedrohung, die alles verschlingen wird. Das Publikum ist ergriffen. Szenenapplaus für Nico Holonics und Standing Ovations für die gesamte Crew

Bettina Boyens

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