19. September 2012, 18:13 Uhr

Kräftezehrend: Orffs »Prometheus« bei Ruhrtriennale

Der aus Samoa stammende Regisseur Lemi Ponifasio setzt in der Duisburger Kraftzentrale des Landschaftsparks ganz auf die Wucht der Sprache und der Musik.
19. September 2012, 18:13 Uhr
Der immense Raum will gefüllt werden: Prometheus (Wolfgang Newerla) und Io (Brigitte Pinter). (Foto: Ursula Kaufmann)

Paradoxe Welt: Während John Cage zu seinem 100. Geburtstag als Übervater der Avantgarde gefeiert wird, versickerte der 30. Todestag von Carl Orff vor vier Monaten weitgehend unbemerkt. Die Ruhrtriennale würdigt beide Meister mit zwei ihrer komplexesten und anspruchsvollsten Werke. Fazit: Orffs »Prometheus«, der seit seiner Uraufführung 1968 ganze viermal inszeniert wurde, wirkte in der heftig umjubelten Premiere in der ausverkauften Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks erheblich moderner, zumindest zeitloser als Cages Mammut-Collage »Europeras«. Ob die sträfliche Reduzierung Orffs auf die populäre »Carmina Burana« damit aufgebrochen wird, bleibt dennoch zweifelhaft. Denn Orff macht es dem Publikum und den Künstlern nicht leicht. Im Stadttheateralltag werden sich die Antikentragödien des Bayern weiterhin kaum behaupten können. Erst recht nicht »Prometheus«, bei dem Orff den altgriechischen Text von Aischylos zugrunde legte. Die Ruhrtriennale verzichtet zusätzlich auf deutsche Übertitel. Auf den ersten Blick eine Zumutung, da auch der aus Samoa stammende Regisseur Lemi Ponifasio nichts tut, um den Text zu konkretisieren oder gar zu illustrieren.

Fast zweieinhalb Stunden lang bleibt man den altgriechischen Worten des Aischylos hilflos überlassen. Vertrauend auf die rhythmische und klangliche Wucht der Sprache, die Wolfgang Newerla in der übermenschlich kräftezehrenden Titelrolle markant wie aus Stein meißelt. In der Tat erhält allein die exotisch anmutende Sprache eine eigene ästhetische und beeindruckende Note. Doch reicht das?

Ein Ereignis ist das Orffsche Orchester mit zwölf Schlagzeugern und einem vielfältigen exotischen Instrumentarium, mit vier Klavieren und Harfen sowie sechsfacher Bläserbesetzung. Von neun Kontrabässen abgesehen verzichtet Orff auf Streicher. Obwohl auf der Bühne viel von Mitleid mit dem Schicksal des an den Fels geschmiedeten Prometheus gesprochen und gesungen wird, mildert Orff den harten, bisweilen brutalen und wie eine Druckwelle eruptiven Orchesterklang in keinem Takt. Als Alternative lässt er es schweigen. Doch nichts federt die Kraft der Auseinandersetzung zwischen dem Titanen und dem unsichtbaren Zeus ab.

Ponifasio enthält sich in seiner Inszenierung jeder konkreten Deutung. Am Beginn einer ins Unendliche verlaufenden Spielfläche in der 170 Meter langen Kraftzentrale verharrt Prometheus nahezu regungslos, während die anderen Figuren mitsamt des Okeaniden-Chors wie Schatten aus einer anderen Welt in ritueller Strenge durch den Raum schreiten. Insgesamt verlässt sich Ponifasio ausschließlich auf die Kraft der Sprache und der Musik und reduziert das Werk somit auf ein halb szenisches Oratorium.

Die Leistung der Solisten und der Damen des ChorWerks Ruhr sind gar nicht hoch genug einzuschätzen. Großes Kompliment vor allem für Newerla als Prometheus mit seiner Riesenrolle, aber auch für die eindringlich singende Brigitte Pinter als klagende Io, Dale Duesing als Okeanos, Eric Houzelot als Hephaistos und David Bennent in der pointierten Sprechrolle des Hermes. Einen Sonderapplaus verdient die Kölner »musikFabrik«, unterstützt von jungen Schlagzeugern des Ensembles SPLASH aus dem Dortmunder Orchesterzentrum. Das gilt auch für den Dirigenten Peter Rundel, der mit Bravour den riesigen Apparat über die immensen Dimensionen des Raums zusammenhalten konnte. Pedro Obiera



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