16. August 2012, 18:43 Uhr

Orgelklang fegt durch den noblen Thiersch-Saal

Furioses Konzert im Rahmen des Rheingau Musik Festivals: Cameron Carpenter traktiert die »Königin der Instrumente« im Wiesbadener Kurhaus.
16. August 2012, 18:43 Uhr
Furios fegt er über die Tasten: Cameron Carpenter im Kurhaus Wiesbaden. (Foto: RMF)

»Die Orgel ist musikalisches Dynamit – man muss nur die Lunte entzünden.« Das sagt Cameron Carpenter von dem Instrument, das meist in Kirchen zu hören ist. Jetzt aber fegte der Klang in allen Facetten und Farben durch das Wiesbadener Kurhaus. Der junge US-Amerikaner entzündete sein Feuerwerk in dem noblen Thiersch-Saal und versetzte das Publikum in Spannung mit seinem Programm von Bach bis Carpenter.

Geboren 1981 in Pennsylvania, früh und aktiv mit Musik vertraut, studierte Carpenter an der North Carolina School of the Arts und an der Juillard School NY Klavier, Orgel und Komposition. Shootingstar auf internationalen Konzertbühnen, vereint der Exot an seinem Instrument technische Perfektion und kreativen Geist auf brillante Weise. So auch am Mittwoch in dem Konzert des Rheingau Musik Festivals. Im sportiven Outfit mit einer Dosis Show-Glitzer traktierte Carpenter in Ganzkörpereinsatz die »Königin der Instrumente«, dass es auch für die Augen zu einem höchst informativem Genuss wurde. Der Ausnahmekünstler bot in der voll besetzten Halle neben dem klanglichen auch das optische Ereignis. Die Beherrschung der drei Tastenmanuale, die gleichzeitige Bedienung diverser Registerzüge, gepaart mit lebhafter Fußarbeit, ließ die Zuschauer staunen, produziert die Arbeit des Organisten doch sonst den Ton den Blicken entrückt irgendwo auf der Empore, wo nur der Pfeifenprospekt zu sehen ist.

Den gab es nicht im Kurhaussaal, denn Cameron führt sein eigenes (digitales) Instrument mit entsprechend angepasstem, umfangreichem Lautsprecher-Equipment mit sich; das bedeutet ihm Vertrautheit und Perfektion ohne die Umstellung auf ganz unterschiedliche Pfeifenorgeln an den Tourneeorten. Das synthetische Klangerlebnis stellte sich in dem vielseitigen Repertoire des Künstlers als äußerst differenziert dar. Mit dem Einstieg in die spontan angesagten Programmpunkte bot Cameron gleich seine Visitenkarte an: eine Transskription des Präludiums aus Bachs Cellosuite Nr. 1 mit einem eigenen Variationsintermezzo zum Aufhorchen. Bach streng zum Warmspielen folgte mit Fantasie und Fuge g-Moll. Später dann ein Bach in frecher, eigenwilliger Registrierung und mit rhythmisch swingender Fuge.

Dass die Orgel keine Grenzen kennt, demonstrierte Cameron im Laufe des Konzerts mit weitgespannter Dynamik und Vielfarbigkeit von Glöckchenklang und feinster Pfeifstimme oder tiefstem Frequenzgrummeln bis hin zum saalfüllenden Orchestertutti. Zu Ohren kamen dabei eine funkelnde Eigenkomposition über ein Shanty-Thema, und Carpenter präsentierte weiter die Vielfalt seines Repertoires zwischen Purcell und Metro Goldwyn Mayer-Klängen. Hingerissener Applaus tobte, und ohne Zugaben ging nichts: Eigenständigkeit und Witz bis zur kalkuliert gesteigerten Coda mitsamt virtuoser Körperarbeit beeindruckte in Chopins »Minutenwalzer« und in einem pfeffrigen, geistreich mit eigenen Variationen gewürzten »türkischen Marsch« aus Mozarts Klaviersonate Nr. 3.

Ob nun ein Orgelboom bei dem musikalischen Nachwuchs einsetzt? Begeisterung für das Instrument und seine Möglichkeiten hatte Carpenters fulminanter Auftritt jedenfalls geweckt. Olga Lappo-Danilewski

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