17. Juli 2012, 20:03 Uhr

Jon Lord, der Orgelvirtuose von Rang und Würde

Der Magier des feinen Klangs: Zum Tod des Orgelvirtuosen und Hardrockurgesteins Jon Lord. Deep Purple mit Orchester etabliert.
17. Juli 2012, 20:03 Uhr

Die Guten sterben zu früh. Natürlich. Auch wenn sie nicht zur Live-fast-love-hard-die-young-Riege gehören, sterben sie zu früh. Jon Lord war 71, als er am Montag seinem Krebsleiden erlag.

Lord war ein Gentleman. Eine Ikone mit guter Laune. Distinguiert und eloquent, nie snobistisch. Er lachte in Interviews gern und machte nicht viel Aufhebens um seine Person. Er war ein begnadeter Musiker und in seinem Fach unerreicht. Und er war der Kopf einer Band, die sich 1968 aufmachte, den echten und einzigen Hardrock aus der Taufe zu heben. Lediglich Led Zeppelin konnten in den 70er Jahren Deep Purple das Wasser reichen.

Die schnellen Riffs des Ritchie Blackmore an der Gitarre, die atemraubenden Tempi des Ian Paice am Schlagzeug und die akrobatischen Gesangslinien von Ian Gillan prägten den Stil; Roger Glover am Bass und als Terzlieferant für Gillans Gesang nicht zu vergessen. Als Bindeglied dieser Ausnahmekönner stand Jon Lord an seiner Hammond-Orgel. Als kreatives Bollwerk in Zeit und Raum. Als Magier des Klangs.

1941 in Leicester geboren, begann der kleine Lord als Fünfjähriger, das Klavierspielen zu lernen, ehe er mit Anfang 20 endlich die erste eigene Orgel bekam. Der Klang seiner Hammond war unverkennbar. Es ist dieser rotierend-stimulierende Reibe-Sound, der üppig und leicht zugleich erscheint und dem der Organist dieses edle Timbre verlieh – so spielte die Hammond nach ihm nie wieder jemand.

Klassiker wie »Child in time«, dessen Intro der Meister auf dem »Live in Japan«-Album wie eine perlende Kaskade aus dem Instrument lockte, sind für die Ewigkeit. Das Doppelalbum aus dem Jahr 1972 zeigt Deep Purple auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Kein Live-Mitschnitt hat je wieder diese Transparenz und Power erreicht.

Auch ein Brückenbauer war Lord. Zwischen Hardrock und Klassik zeigte er Wege auf, die zuvor unbekannt waren. Beethovens berühmtes Allegretto aus der siebten Sinfonie fand Eingang in den zweiten Purple-Longseller »The Book of Taliesyn« (1968).

Lord schrieb das »Concerto for Group and Orchestra«, das erstmals 1969 in der Londoner Royal Albert Hall gemeinsam von Deep Purple und dem Royal Philharmonic Orchestra (am Pult: Malcolm Arnold) aufgeführt wurde und bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat – ein Meilenstein der Rockgeschichte.

Nach mehreren Zwisten mit Gittarrenteufel Blackmore, nach Trennungen und Wiedervereinigungen, warf Lord 2002 bei Deep Purple endgültig das Handtuch. Seine jüngsten Tour-Termine musste er krankheitsbedingt absagen.

Dem faden Tastendrücken und lauten Synthesizergeheul moderner Hasardeure steht das wohltemperierte Spiel des Jon Lord wie ein geschliffener Diamant gegenüber. Er war ein Virtuose von Rang und Würde. Wir vermissen ihn.

Manfred Merz

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