02. Mai 2012, 18:18 Uhr

»Tosca« in Wiesbaden: Gefühle in Cinemascope-Format

Bei den Maifestspielen fasziniert die Israeli Opera Tel Aviv mit einer opulenten Neobarock-Inszenierung. Michèle Crider kann aber in der Titelpartie nicht gänzlich überzeugen.
02. Mai 2012, 18:18 Uhr
Großes Kino in Wiesbaden: Bedrohlich ragt das Kruzifix in die Bühnenmitte. ©Yossi Zwecker

Rasende Leidenschaft, tiefe Liebe, Erpressung, Selbstmord, Mord, Scheinerschießung und Folterqualen: Puccinis »Tosca« ist nach wie vor der beliebteste Schmachtfetzen an den Opernhäusern der Welt. Trivial, sinnlich, zudem effektvoll bis zur Anmaßung, melodramatisch bis zum Überdruss. Inbrünstig ringen der Polizeichef Scarpia und Frauenliebling Caravadossi um die Liebe der temperamentvollen Sängerin Floria Tosca. Nach drei nervenzerfetzenden Akten sind alle drei tot.

Der spanisch-argentinische Regisseur Hugo de Ana setzt für die Israeli Opera Tel Aviv, die jetzt als Gast bei den Wiesbadener Maifestspielen auftritt, noch eins drauf. Mittels Riesenfilmbildern potenziert er die großen Gefühle mehrfach. An Originalschauplätzen in Rom gedreht, fächert er bis zu vier verschiedene Bild-ebenen auf. Wenn Tosca in die düstere Kirche eindringt, zum Polizeichef in den Palazzo Farnese eilt oder im bleigrauen Morgen auf der Suche nach Mario zur Engelsburg hetzt, immer ist die Handkamera dabei. Dann fliegen gewaltige Portale auf, wallen die Roben, leuchten die Büsten, blitzt der Morddolch überlebensgroß. Damit nicht genug: Ein umgestürztes, meterhohes Kruzifix ragt bedrohlich in die Bühnenmitte und warnt als düsteres Menetekel vor Unheil und Verderben. Was bei einer anderen Oper überdimensioniert aufstoßen würde, hier passt es ins Konzept. Eine Art Supersize- »Tosca« sehen wir, die mit ihrer Bilderflut Puccinis Verismo-Schocker endgültig zum saftigen Blockbuster ummodelt. Und das macht Spaß.

Weniger Spaß hat an diesem Abend Verdi-Heroine Michèle Crider in der Titelpartie, die einen üblen Buhruf über sich ergehen lassen muss. Schmerzhaft laut nach der innigen Arie »Vissi d’arte« platziert, weckt der Schmähruf sofort Gegenreaktionen. Viele springen im Parkett auf und applaudieren frenetisch, um der farbigen US-Sopranistin beizustehen, die an der Rampe sichtlich mit der Fassung ringt. War der fiese Zwischenruf nicht gerade fein, so kann doch nicht verborgen bleiben, dass der Crider zurzeit sowohl stimmlich wie darstellerisch eine Menge fehlt. Manche Linie verrutscht nach oben in der Intonation, hohe Töne peilt sie eher an, als das sie sie trifft, und ihr Vibrato tremoliert immer wieder scharf bis unschön. Darstellerisch geht sie eher als brave Hausfrau denn als Operndiva durch, und ihr fehlt die mimische Extravaganz, um ihr Publikum aus der emotionalen Reserve zu locken.

Hervorragend im Vergleich der bulgarische Tenor Kamen Chanev als Geliebter Caravadossi, dessen todesmutigen »Vittoria!«- Rufe im zweiten Akt Gänsehaut generieren. Ko Seng Hyoun als schwärzester Bariton-Bösewicht der Operngeschichte wird effektvoll von der Seite beleuchtet durch Avi Yona Buenos Lichtregie. Mit großer Stimme und verhaltener Bedrohlichkeit vermag er Scarpias Galanterie, Lüsternheit und Sadismus glaubhaft zu verkörpern. Aus dem Orchestergraben erklingt Puccinis Meisterwerk mit dem Israel Symphony Orchestra Rishon LeZion unter der Leitung von David Stern insgesamt prächtig expressiv, nur Einzelstellen wirken in ihrer Langsamkeit überbetont oder fallen misslich durch flächige Lautstärke auf.

Neu ist die Inszenierung Hugo de Anas nicht, sie stammt aus dem Jahre 1999, ist aber außerordentlich beliebt. Als ein Höhepunkt der Maifestspiele wird die Produktion »The Child Dreams« aus Tel Aviv morgen mit Gottfried Helnweins Bühnenbild gehandelt. Es gibt noch Restkarten.

Bettina Boyens

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