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Viel Applaus für Cileas »Adriana Lecouvreur« in Frankfurt

Die Arien umweht ein Hauch von Melancholie: Francesco Cileas Oper »Adriana Lecouvreur« feiert in Frankfurt Premiere. Barocke Opulenz trifft auf modernes Kammerspiel.
05. März 2012, 21:03 Uhr
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Adriana Lecouvreur in ihrem Element: Micaela Carosi als umschwärmte Aktrice im barocken Theater. (Foto: Wolfgang Runkel)

Als eine der großen Opern des Verismo gilt Francesco Cileas »Adriana Lecouvreur«, das einzige im Repertoire überlebende Bühnen-opus des italienischen Komponisten und Pädagogen (1866 - 1950). Das Musikwerk nach dem 1849 uraufgeführten Drama von Eugène Scribe und Ernest Legouvé mit historisch großteils belegtem Hintergrund stellt die berühmte Aktrice der Comedié francaise, Adrienne Lecouvreur, und den Grafen Moritz von Sachsen sowie die Fürstin von Bouillon ins Zentrum der Handlung. Die Schauspielerin, glanzvolle, gebildete Tragödin des frühen 18. Jahrhunderts, starb knapp 38-jährig unter nicht ganz geklärten Umständen – nach Scribe wurde sie von einer eifersüchtigen Dame des höheren Adels vergiftet. Stoff für eine Oper um eine Dreieckskabale, die im »Theater auf dem Theater« sowie in fürstlichen Dunstkreisen spielt. 1902 wurde »Adriana Lecouvreur« in Mailand mit großem Erfolg uraufgeführt; die 1930 etwas gestraffte Fassung war jetzt in Frankfurt erarbeitet worden und hatte am Sonntag Premiere, bei der die Protagonisten, die Musiker und das Regieteam ausgiebig bejubelt wurden.

Zu Recht, denn sowohl für die Augen als auch für die Ohren war der rund dreistündige Abend anregend und genussvoll. Mit opulenten Kostümen zwischen theatralischem Barock und mondänem Glitzerhabitus bis hin zu kreativen Entwürfen für die Choristen sorgt Christian Lacroix für Freude. Für die gelungene Optik stehen üppig verzierte Barockkulissen mit raffinierten Spiegelwänden, die sowohl der Akustik für die Sänger als auch dem Vortäuschen von Raum dienen.

Eifersucht schaukelt sich hoch

Bühnenbildner Kaspar Glarner kontrastiert dazu karge Mauern (mit Joachim Kleins wirkungsvoller Lichtregie) in den beiden mittleren der vier Akte. Dort verdichten sich kammerspielartig die Begegnungen zwischen der an Ränke und Verführung gewöhnten Fürstin von Bouillon, die den Grafen Maurizio für sich behalten will und begreift, dass der sächsische Feldherr inzwischen mit der »Komödiantin« liiert ist.

Die Eifersucht schaukelt sich hoch und entlädt ihr Gewicht im sublimen Ventil der Wortkunst: Ein scharfes Gefecht liefern sich die Fürstin und die Schauspielerin, die in einem doppeldeutigen Monolog aus »Phädra« den Angriff ihrer Rivalin pariert. Hier findet eine Art Klimax im dramatischen Aufbau statt, bevor im letzten Akt bereits der »Hauch des Todes« herrscht.

Dort allerdings ist die differenzierte Regie und psychologisch starke Personenführung von Vincent Boussard an die Vorgaben des Librettos (Arturo Colautti) gebunden: Einer der längsten Bühnentode der Opernliteratur findet nun statt. Das ominöse Kästchen mit dem Veilchenstrauß, einst Liebeszeichen zwischen Maurizio und Adriana, kehrt als Geschenk über intrigante Wege vergiftet zu Adriana zurück. Dieses Konkretum als Todesursache lässt Boussard in der Schwebe: Adrianas halluzinative Fantasie »Ich bin Melpomene« wirkt wie ein Auftakt zum psychogenen Tod einer tief verletzten Frau, für die sich die Wahrnehmungsebenen verschoben haben. So kann diese zerdehnte Szene am ehesten auf moderner Bühne bestehen. Auch weil sich hier die Musik auf höchst sensiblem Parkett bewegt: Facetten zwischen Wagner und Impressionismus schimmern auf, bevor geplant effektvoll eine Kulissenwand unter Warnrufen aus dem Parkett zu Boden geht.

Cileas Tonsprache weist ihn als poetisch empfindsamen Deuter dramatischer Episoden aus. Seine Musik ist melodiös und durchkomponiert, erinnert gelegentlich an Puccini und wartet mit harmonisch überraschenden Wendungen sowie untermalenden Elementen auf; Adriana hat ein persönliches Motiv. Die anspruchsvollen Arien der Protagonisten umweht Melancholie.

Ein Kunstgriff ist die Vermengung von Deklamation und Gesang in der Titelfigur: Hier imponierte Micaela Carosi mit ausdrucksstarkem Timbre und dramatisch-dunklem Tremolo-Impetus. Alle anderen Sänger der Produktion gehören zum Ensemble, zuvorderst die Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner, die mit Modelfigur und gewaltiger »Röhre« eine brillante Fürstin von Bouillon gab. Frank van Aken als Maurizio wirkte neben den starken Frauen zwar etwas blass, blieb jedoch seiner sängerischen Rolle nichts schuldig (der Tenor gefiel zuletzt als Siegmund in »Die Walküre«). Auch Davide Damiani als Michonnet, hoffnungsloser Verehrer Adrianas, bestach mit Spielpräsenz und warmem Bariton. Die kleineren Rollen erschienen mit Federico Sacchi (Fürst von Bouillon), Peter Marsh (Abbé), Florian Plock (Quinault) und Julian Prégardien (Poisson) passend besetzt.

Im Orchestergraben brachte Carlo Montanaro Cileas Partitur zum Leuchten. Nuancenreich und mit glänzenden solistischen Leistungen steigerte sich das Opern- und Museumsorchester zur Bestform unter der temperamentvollen und präzisen Führung. Exaktheit und Präsenz herrschten auch beim Chor, einstudiert von Matthias Köhler. Eine hübsche Einlage gaben Balletteleven im »Urteil des Paris«. Olga Lappo-Danilewski

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/art68,68405

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