12. Februar 2012, 20:18 Uhr

Kurt Krömer schwadroniert in der Alten Oper

Morbider Humorist: Kurt Krömer mit seinem Programm »Der nackte Wahnsinn« zu Gast in Frankfurts Alter Oper.
12. Februar 2012, 20:18 Uhr
Hier noch im Hemd: Kurt Krömer ist wenig später »Der nackte Wahnsinn«. (dpa)

Am Schneckenwitz kommt er nicht vorbei. Und der geht in etwa so: »Da ist ein Mann auf seinem Balkon und jätet in seinen Blumentöpfen rum und sieht denn auf enmal so ’ne kleene Schnecke. Er nimmt die Schnecke und schmeißt sie vom fünften Stock runter in ’n Hof. Paff! Zwei Jahre später klingelt det an der Tür – die Schnecke – so’n Hals! Und brüllt: Sach ma, wat war’n det eben!?«

Solche Scherze und andere, die den Unterleib von Tier und Mensch fokussieren, präsentierte Komiker Kurt Krömer in der nahezu ausverkauften Frankfurter Alten Oper in seinem Programm »Der nackte Wahnsinn«.

Eigentlich ist »Der nackte Wahnsinn« ein Bühnenstück von Michael Frayn aus dem Jahr 1982 über eine liebenswerte, chaotische Darstellerriege kurz vor der Premiere. Doch damit hat der Soloabend von Krömer nichts zu tun. Der 37-Jährige zeigt am Ende seine Form des nackten Wahnsinns, wenn er, lediglich mit Schuhen, Socken und einem Tanga bekleidet, unter tosendem Applaus die Bühne verlässt.

Zuvor gibt der Berliner, der bürgerlich Alexander Bojcan heißt, aber den Namen »scheiße« findet, in zweimal
45 Minuten alles, seinem Ruf als Anarcho-Entertainer gerecht zu werden. Freunde des Morbiden und der Fäkalsprache werden gut bedient, wenn Krömer zwei Teenagern 20 Euro verspricht, damit sie einer Katze einen Pfeil zwischen die Augen schießen und ihr einen Strohhalm »in den Arsch schieben, um die Katze aufzublasen, bis sie platzt«.

»So, det hammer«, sagt Krömer und macht einen Haken ans Manuskript, wenn ein Gag abgearbeitet ist. Zwischen den Lachern muss der subversive Humorist so manchen Rohrkrepierer hinnehmen – vielleicht auch deshalb, weil er mutterseelenallein auf der riesigen Bühne hinter einem kleinen Tischlein auf einem Stuhl sitzt und vor sich hin referiert. Im weiten Rund kommt nur langsam Stimmung auf. Auch wenn Krömer zum Dialog ermuntert, bleiben die Zwischenrufe spärlich. Natürlich beschimpft er sein Publikum gern. Ab und an bietet sich dazu Gelegenheit. »Hau du ab hier! Ick bezahl dir die
Taxe.«

Wird Krömer derb, ist das Publikum sofort wieder bei ihm. Wenn er das Mikrofon beinahe verschlingt, sich klebrig und großflächig in den Bühnenvorhang schneuzt, einen Ringkampf mit einem der männlichen Gäste aufs Parkett legt oder einen weiblichen Fan beinahe ins Koma knutscht.

Auch Witze erzählt Krömer immer wieder: »Sacht die Schwangere beim Bäcker: Ick bekomme ein Schwarzbrot. Sacht der Bäcker: Sachen gibt’s.« Die Faschingszoten im Format einer Dauererektion kommen gut an.

Apropos ankommen: Wer in der Alten Oper im »Olymp« angekommen ist, jenen Sitzgelegenheiten ganz weit oben, hinten und direkt unter dem Dach des Hauses, freut sich, einmal die beeindruckende Architektur des Saals bewundern zu können mit ihren holzvertäfelten Wänden und der martialischen Gitterrostdecke.

Von hier aus betrachtet, sagt ein junger Mann zwei Reihen weiter vorn in der Pause, könnte unten auf der Bühne auch die Putzfrau stehen und zum Playback spielen. Soll heißen: Krömer wäre mit seinem Programm in einer kleineren Halle besser aufgehoben als im 2500 Personen fassenden Großen Saal der Alten Oper. Egal. Dort unten das ist Krömer. In echt. Kein Scheiß.

Manfred Merz

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