01. September 2011, 12:25 Uhr

Cowboyhosen, Computer und Cappuccino

Im letzten Teil der Sommerserie unternimmt Burkhard Bräuning eine Reise durch die Jahrzehnte. Von Jahren der Kindheit im ländlichen Hessen zur Gemeinschaftsfernsehen  und der ersten Jeans spannt er den Bogen zum modernen Handy. Gehen Sie mit uns "ungewöhnlich" auf die Reise.
01. September 2011, 12:25 Uhr

Früher war alles – nein, nicht besser, aber anders als heute. Ganz anders. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann kommt es mir so vor, als hätte ich in einem anderen Zeitalter gelebt, damals in meinem kleinen Dorf im Seenbachtal. In meinem Geburtsjahr 1957 wurde die Wasserleitung verlegt. Ein großer Fortschritt für die Menschen. Strom gab es schon länger, verbraucht wurde im Vergleich zu heute eher wenig. Es gab Glühbirnen mit fünf Watt. Ein Fernsehgerät stand im Dorfgemeinschaftshaus, das drei Jahre zuvor eingeweiht worden war. Der klobige Flimmerkasten war übrigens ein Geschenk des Hessischen Rundfunks. Dort hoffte man wohl auf eine höhere Einschaltquote. Ein Radio hatten manche im Dorf, aber längst nicht alle. Was es sonst an Technik gab: Autos – weniger als eine Handvoll; schwarze große Telefone mit Wählscheibe – drei oder vier. PCs, Laptops, Smartphones? Kannte man nicht, ahnte noch nicht mal, dass es so etwas einmal geben würde.

Die Menschen arbeiteten hart zu dieser Zeit, rackerten sich ab für ein oft mageres Einkommen. Stress kannten sie aber nicht. Terminkalender brauchten sie nicht. Wichtiges wurde per Mundpropaganda weitergegeben – auf der Straße. Heute trifft man nur noch selten einen Menschen, wenn man durchs Dorf geht. Früher war immer irgendjemand mit einem Traktor, einem Pferdefuhrwerk, einem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. In fast jedem Hof sah man Männer und Frauen bei der Arbeit. Meist war Zeit für ein Schwätzchen. Faul waren die Menschen aber nicht, sie teilten sich ihre Zeit ein, packten an, wenn nötig. Aber sie atmeten auch durch, machten Pausen – bei »Lindes«-Kaffee und Brunnenwasser. Heute muss alles schnell gehen und schnell sein: Heute gehe ich durch die wenigen Straßen meines Dorfes und staune über den sichtbaren Wandel. Das ist das Thema für meinen Beitrag zu unserer Sommerserie. Ich habe kein außergewöhnliches Fortbewegungsmittel gewählt, gehe zu Fuß. Ich bin an keinem besonderen Ort, »nur« in meinem Dorf. Meine Gedanken gehen zurück: Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre und mehr.

Auf der Ortsstraße

Ich schlendere über unseren Prachtboulevard, die frühere »Ortsstraße«, das sind rund 400 Meter. Mein Weg ist das Ziel. Ich gehe durch 50 Jahre. Meine Geschichte ist nicht einzigartig, sie ist eher repräsentativ für meine Generation auf dem Land, für die der stetige Wandel die Normalität war und ist. Die ruhigste Zeit waren die Kinderjahre. So unendlich lang waren damals die Sommermonate, als das Leben sich noch überwiegend draußen abspielte, wir noch wussten, wie Regen und Schnee schmeckten. Wir spielten Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer, saßen in Kirsch- und Apfelbäumen, ließen uns die Früchte schmecken. Auf dem Bolzplatz spielten wir Fußball bis zum Umfallen. Zwei dürre Stangen bildeten den »Kasten«. Viel später wurde ein Tor aus Aluminium aufgebaut. Heute steht es einsam auf der Wiese, auf der ab und zu Schafe oder Pferde weiden. Fußball spielt hier keiner mehr. Und auch auf dem Spielplatz, damals unsere zweite Heimat, sieht man eher selten Kinder.

Zurück zum Ausgangspunkt meiner Reise, zu den frühen 60er Jahren. Ich erwähnte die wenigen Telefone, die es damals gab. Eins davon stand auf dem Schreibtisch meines Vaters. Wir waren nicht etwa wohlhabend, hatten nur deshalb solch ein futuristisches Gerät, weil Vater Karl die Genossenschaft führte, und da brauchte er so etwas, um schnell Bestellungen an die »Bäuerliche« in Gießen weiterzuleiten. Vielen Menschen im Dorf, auch mir, war der Apparat suspekt.

Wir hatten ohnehin Respekt vor allem, was neu war. Als viele Jahre zuvor die Elektrizität ins Dorf gekommen war, da »brannte« es mal im »Lichthäuschen«, wie das Transformatorenhaus genannt wurde. Ein heller Schein war im Fenster zu sehen. Feueralarm! Die besorgten Honoratioren trauten sich nicht heran an den »Brandherd« – einer wollte aber im vorbeirennen die Hitze förmlich gespürt haben. Strom, das wusste man, war gefährlich. Nach einigem Hin und Her kam ein Mann vom Überlandwerk. Er hatte bei Wartungsarbeiten vergessen, das Licht auszumachen. Er legte den Schalter um, und der »Brand« war gelöscht.

Zurück zum Telefon: Heute hantiere ich wie selbstverständlich mit meinem Smartphone, gehe online, empfange Eilmeldungen, schreibe SMS, lade Musik und Apps, nutze das Geräte als Navi, speichere meine Termine. Nichts Besonderes, Millionen andere Menschen meiner Generation tun das auch. Ich verstehe aber weder die Technik, noch macht mich dieses wirklich schicke Gerät glücklich. Aber es hat mich fest in seinem Griff. Mein Handy ist stummgeschaltet, weil das Klingeln (für andere) störend ist. Ich ertappe mich aber oft dabei, dass ich schaue: Sind neue SMS da? Pushmeldungen? Gab es Anrufe?

Der Computer ist mein wichtigstes »Handwerkszeug«. Ohne ihn kann ich meinen Job nicht erledigen. Ich war 30 Jahre alt, als ich das erste Mal vor einem alten »T1«-Bildschirm saß – grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund. Kein Vergleich zu den Hightech-Geräten von heute. Ich bin noch immer kein Computerfreak, aber ich kann mit PC und Mac umgehen, kann Zeitungsseiten bauen, meinen Mail-Verkehr steuern, surfen – alles, was nötig ist. Meine Kinder können alles besser als ich. Außer Seiten bauen. Hätten sie die Software, würden sie mich vermutlich auch hier abhängen. Sie sind in dieser Welt zu Hause. Und sie sind Mitglieder der großen »sozialen Netzwerke« (weiß nicht, was daran sozial ist). Sie sind bei Facebook, SchülerVZ und ICQ registriert. Ich nicht, halte das für Zeitverschwendung. Gut, ich schaue meinen Töchtern gerne mal über die Schulter, aber interessiert bin ich nicht. Ein bisschen vielleicht...

Die Jugendlichen von heute sind mit »IT« aufgewachsen, können kaum glauben, dass es »früher« kein Internet gab. Meine ersten Berührungspunkte mit »Technik«: Als ich 14 Jahre alt wurde, bekam ich ein »Bonanzarad«, im selben Jahr zu Weihnachten eine Carrerabahn. Ich war in der (damaligen) Moderne angekommen. Der Schalthebel des Rades war einfach nur genial (das Wort geil kannten wir nicht, später dann schon, aber in einem anderen Zusammenhang als heute).

Ich schlendere über die Raiffeisenstraße, früher war es die Schulstraße. Eine Schule gibt es schon lange nicht mehr im Dorf. Mein Jahrgang – wir waren drei Jungs, Rüdiger, Thilo und ich – war einer der Letzten, der im Schulhaus paukte. Die Grundschule zog dann samt Mobiliar und Lehrer nach Lardenbach, später nach Grünberg. Die Kinder der Sekundarstufe II gingen schon seit Anfang der 60er Jahre nach Grünberg. Dort trafen wir auf die »Städter«, die hochdeutsch sprachen – im Gegensatz zu uns. Manche schauten deshalb verächtlich auf uns herab. Die Grünberger trugen schon Jeans, wir alte, abgewetzte Stoffhosen mit Bügelfalten. Heute würde man sagen: Das geht ja gar nicht. Damals ging es, musste es gehen. Wir hatten keine anderen Hosen. Ich war im elften Schuljahr, als ich meine ersten Jeans bekam. Gut, es waren keine Lewis, der Schnitt war gruselig, sie waren mir drei Zentimeter zu kurz, und sie hatten nicht viel gekostet – aber es waren Jeans. Lehrer und Mitschüler spotteten: »Na, du Bauer aus dem Vogelsberg, hast du dir eine Cowboyhose gekauft?« Ich trug sie trotzdem, aus Trotz – und weil die Alternative Stoffhosen waren.

Dylan und die Amigos

Nach dem Abitur war dann die ruhige Zeit vorbei, die Welt drehte sich nach meinem Gefühl immer schneller. Ständig gab es Neues zu sehen, zu kaufen, zu testen. Selbst bei so profanen Dingen wie Hosen war Wechsel die Regel. Es gab welche mit Schlag und ohne, mit Steg und ohne, weit ausgestellt, als »Karotte«, »slim fit« oder »bootleg« (für Stiefelträger). Mal war satt Indigo angesagt, mal ausgewaschen, mal schwarz. Mal musste die Hose Löcher haben, mal nicht. Eine Jeans war früher eine Jeans: Blau, robust, alltagstauglich. Heute sagt eine »501« oder eine »7 for all Mankind« etwas über den Lebensstil ihres Besitzers aus: Ist er bieder, cool, alternativ, konservativ ...

Rasant der Wechsel auch bei der Musik. Geboren in Rock’n’Roll-Zeiten, aufgewachsen mit Beatles und Stones, kam in der Teenager-zeit die Abba-Mania über uns. Damit konnte ich nie etwas anfangen, stand damals auf Led Zeppelin, Pink Floyd, Bob Dylan und all die vielen deutschsprachigen Liedermacher, die von allem und über alles betroffen waren. Heute kann ich sie nicht mehr hören. Immer groß war die Fangemeinde der Schlager- und Volksmusik. Wenn ich sehe, dass die Amigo-Jungs aus Hungen auf Platz 1 der Charts stehen, dann werde ich sie mir zwar trotzdem nicht anhören, aber ich habe Respekt vor ihnen und vor ihren Fans. Ich mag die »Ultimative Chartshow« von RTL, weil sie uns an all das erinnert, was musikalisch und modisch mal angesagt war: Sound, Kleidung, Frisuren, Studiodekoration – was gab’s da für schräge und quietschbunte Sachen. Was sich bei Rock- und Popkonzerten stark verändert hat: Früher standen vier bis fünf Jungs auf der Bühne, ein paar Scheinwerfer sorgten für das nötige Licht, und die fetten Boxen ließen es krachen. Heute braucht es Feuerwerk, computergesteuerte Lightshows, riesige Leinwände, bombastische Soundmaschinen – und fürs Auge hübsche junge Damen im kurzen Rock, die bei den Balladen Geige und Cello spielen.

Ich gehe weiter im Dorf, sehe all die schicken Pkw, die auf den Höfen parken. Im ersten Auto meines Vaters tobten wir während der Fahrt auf der Rückbank. Gurte gab es nicht, der Schalthebel war am Lenkrad oder sah aus wie ein Spazierstock. ABS, ESP, Airbag kamen erst viel später. Heute ist das alles serienmäßig, dazu gibt es allerlei weitere Elektronik für Spiegel, Fenster, Lampen. Schnickschnack, aber auch sinnvolle, im Ernstfall vielleicht lebensrettende Ausstattung. Das Ende ist nicht erreicht, die Ingenieure brüten über Design und Sicherheitseinrichtungen. Der typisch deutsche Autofahrer macht das alles gerne mit, aber wenn nichts mehr brummt unter der Motorhaube, wenn er an der roten Ampel nicht mehr mit dem Gas spielen kann, dann ist Schluss.

Anders sieht das aus, wenn es um Strom und Heizung geht. Da sind wir ja so was von umweltfreundlich eingestellt. »Atomkraft? Nein danke« ist kein Wunsch mehr. Windräder recken sich in den Himmel, wir reden über Erdwärme und Gezeitenkraftwerke, montieren uns Solar- und Fotovoltaikanlagen aufs Dach. Früher gab’s Holzöfen, die qualmten ganz furchtbar. Und dann Ölheizungen, die stanken extrem. In einem durchschnittlichen Einfamilienhaus waren fünf, vielleicht zehn Steckdosen installiert. Heute sind es 50 bis 100 und mehr. Nichts geht mehr ohne Strom, selbst für den Milchschaum haben wir ein Gerät mit Stecker.

Was zählt

Kurzum: Wir kommen an den »Errungenschaften« der Technik kaum noch vorbei, machen – was bleibt uns übrig – fast jede Mode mit. Der Wandel, das Neue ist die Regel. In meinem Beruf kann ich ohne Computer, Laptop, Smartphone, Internet und all das nicht »überleben«. Ich muss mitmachen, lernen, dranbleiben. Aber irgendwann werde ich »den Stecker ziehen«. Sollte ich das Rentenalter erreichen, dann wird mein einziges Hightech-Gerät eine richtig gute Spiegelreflexkamera sein. Damit werde ich knipsen wie ein Weltmeister. Einen Mini-Computer werde ich haben, um Mails zu verschicken und Fotos zu speichern, das ist o. k. Wir werden nur noch ein Auto haben, mit ESP und ohne Schnickschnack. Ich werde – wie in meinem letzten Urlaub – Basalt- und Backsteine vermauern, Dielen abschleifen, neue Beete anlegen, auf meiner Lieblingsbank sitzen und Cappuccino trinken – mit aufgeschäumter Milch. Mit meiner jüngsten Tochter, die dann 18 sein wird, werde ich zum Rockkonzert gehen. Ich werde meine älteren Töchter besuchen, wo auch immer sie dann wohnen, mit meiner Frau nach Neuseeland fliegen und mir weitere Träume verwirklichen. Das dann neueste
iPhone gehört nicht dazu.

Ich möchte mit meinen Freunden am Feuer sitzen, Bruce Springsteens »The River« und von den Toten Hosen »Was zählt« hören, von guten alten Zeiten träumen, mir mit Hausfreundin Steffi »Indiana Jones 7« anschauen.

Vielleicht werde ich noch in meinem Dorf wohnen. Wenn Sie darüber übrigens nähere Informationen haben möchten, hier bitte: Wir haben ganzjährig von 0 bis 24 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei, aber wir denken über eine Mautgebühr nach.

Von unserem Redakteur Burkhard Bräuning (Gießen)



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