10. Mai 2011, 17:35 Uhr

Wagners Wotan gibt wonnigen Einsatz

Ein köstlicher Spaß: Martin Oelbermanns »Nibelungen« nach Richard Wagner hatte am Mainzer Staatsschauspiel erfolgreiche Premiere
10. Mai 2011, 17:35 Uhr
Wagners Rheintöchter als flotte BDM-Mädel (v. l.): Friederike Bellstedt, Pascale Pfeuti, Monika Dortschy. Mathias Spaan (l.) mimt Alberich. (Foto: Bettina Müller)

Zugegeben: Selbst als eingefleischter Opernfan wendet man bisweilen verschämt die Augen ab, wenn die Übertitel bei Wagner-Opern unerbittlich den Wortschwulst des eitlen Meisters an den Bühnenhimmel screenen. Immer wenn Alberich auf dem Rheingold ausrutscht und »garstig glatter glitschriger Glimmer« intonieren muss, bemitleidet man den armen Bariton von Herzen. Kritikerpapst Joachim Kaiser höchstselbst muss in seinem Vorwort zu Wagners Operntexten wehmütig einräumen, dass der Komponist mit Genitiv-Gewimmel, Stabreimorgien und kraftmeierischen Ausrufen bisweilen »sich und sein Niveau« verrät.

Nach dem Motto »Wagner ist sein bester Parodist« liefert der für scharfe Würze und bösen Blick bekannte Martin Oelbermann im Großen Haus des Staatstheaters Mainz eine flippige Mischung aus schrillem Pennälerulk und ernst zu nehmender Interpretation ab, die vor allem eines ist: amüsant. Den ganzen Ring ohne Musik erzählt er in knapp 130 Minuten - eine köstliche Unverschämtheit. Damit befindet er sich in einer langen Tradition - von Loriot über das BosARt Trio bis zu Bayreuth selbst.

Statt der 136-taktigen Es-Dur Ouvertüre erklingt ein schräges Stimmencluster, aus sieben Schauspielerkehlen geschmettert. Man ahnt - hier wird nichts, wie es sein soll. Göttervater Wotan (Stefan Walz), unschwer zu erkennen an seiner Augenklappe, gibt den Einsatz für die Darsteller im Orchestergraben. Flugs entern die drei blond bezopften BDM-Rheintöchter (Friederike Bellstedt, Monika Dortschy und Pascale Pfeuti) mit viel Wagala Weiala Wei die Bühne und necken den an Krücken gehenden, »schwarzen schwiefligen Schwefelzwerg« Alberich (Mathias Spaan). Nicht nur die Rheintöchter kichern - auch das Zwerchfell der Zuschauer wackelt mittlerweile vergnüglich.

Den teils sächselnden Riesen Fasolt (Bernd-Christian Althoff) und Fafner (Zlatko Maltar) pappt der Regisseur Plateauschuhe unter die Füße und lässt Brünnhilde mit lautem Hojotoho nervtötend gute Laune produzieren. Gesungen wird alles, nur nicht Wagner im Original: die Nationalhymne inklusive erster Strophe, Brechts Seeräuberjenny-Song und ein munteres Ta-ta-ta-tahhh-ta als großer Walkürenritt. Aller Verballhornung zum Trotz gelingt es dem Regisseur, seinen Anspruch einzulösen und »Wagner von Wagner zu befreien«. Oelbermann, der Wagners Musik »unerträglich« findet, ist von ihm als Mythenerzähler umso mehr beeindruckt. Das ist während der Aufführung deutlich zu spüren. Dem Verrat an Siegfried, dem Kampf um die Macht des Rings und die Liebe Brünnhildes, dem Untergang der kühlen Börsenwelt in der Götterdämmerung (in seiner Version) verleiht er durchaus tragödienhaften Schmerz. Unterstützt wird er dabei von seinem fantasievollen Bühnenbildner Marc Thurow.

Übertitel gibt's auch. Die aber enthalten in der Mainzer Aufführung freche Quizfragen, besserwisserische Kommentare und ironischen »Gruß an die Bayreuther Uni«, wenn Weltenlenker Wotan mal wieder seine eigenen Gesetze bricht. Was bleibt also nach dem kurzweiligen Abend? Auf in John Dews »Ring« am Staatstheater Darmstadt: Richard Wagners »Rheingold« - mit Orchester - hat dort am 4. Juni Premiere. Die peinlichen Übertitel kann man ja ignorieren.

Bettina Boyens



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