22. März 2011, 11:30 Uhr

An »Stuttgart 21« kommt niemand vorbei

Stuttgart. In Stuttgart dominieren die Befürworter und Gegner von »Stuttgart 21« noch immer das Stadtbild. Unser Mitarbeiter Markus Becker hat einen Spaziergang durch die Metropole unternommen.
22. März 2011, 11:30 Uhr
Von der Aussichtsplattform auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs geht der Blick über die Gleisanlagen. Im Rahmen von »Stuttgart 21« sollen die Gleise um 90 Grad gedreht und unter die Erde verlegt werden, sodass auf dem dann brachliegenden 100 Hektar großen Areal neue Stadtteile entstehen können. (Fotos: Becker)
Im Ländle wird vieles verniedlicht - zumindest was die Sprache betrifft. Das liegt an der Eigenschaft des Baden-Württembergers, der es wie kein anderer versteht, die meisten seiner gewählten Worte auf einem »-le« enden zu lassen, um es zusätzlich mit einem Umlaut zu verzieren. Ob Dörfle, Häusle oder Herrgottsbescheißerle - wie Maultaschen der Legende nach auch genannt werden. Alle diese so niedlich gesprochenen Wörter versprühen etwas kindliches und sympathisches, ja friedvolles. Doch mit Ruhe und Beschaulichkeit ist es im »Hauptstädtle« schon lange vorbei. In Stuttgart ist seit Monaten Schluss mit lustig, auch wenn sich die aufgeheizte Stimmung mittlerweile wieder etwas beruhigt hat.
Welches Thema die Gemüter der dort lebenden Bürgerinnen und Bürger so erregt, wird bei einem Spaziergang durch die Stadt schnell deutlich. Ob Straßenschilder, Mülleimer oder Gullydeckel - überall, wo etwas haften bleibt, sieht man rot durchgestrichene »Stuttgart 21«-Aufkleber. Selten bemerkt man so viele Passanten mit einem Sticker am Revers - entweder für oder gegen ein Bauprojekt, das seit fast 17 Jahren geplant ist und das mitsamt der ganzen Diskussion und des Streits darüber einen neuen gesellschaftlichen Akteur hervorgebracht hat: den »Wutbürger«.

 Infostände der Projektgegner

Spätestens seit dem Polizeieinsatz mit Wasserwerfern am 30. September vergangenen Jahres fühlen sich die Gegner des geplanten Umbaus in ihrer Haltung bestärkt, die Baumaßnahmen mit allen Mitteln zu verhindern. Obwohl die Schlichtung zumindest die Gemüter der politischen Akteure etwas beruhigte, hat man beim Gang durch den Schlossgarten nicht das Gefühl, als sei die Konfrontation bereinigt. In kleinen Zeltstädten verteilt campieren die Parkschützer und andere Symphatisanten auf dem Areal inmitten der Bäume, für deren Rettung symbolische Kuscheltierketten angelegt sind - den markanten Turm des Hauptbahnhofs als Symbol des Streitobjekts immer im Blick. Infostände und große Indianerzelte runden das Bild des Protests ab. Umwabert wird die Szenerie von Rauchschwaden, die aus einem Holzofen stoßweise herüberziehen. Das ganze Szenario erinnert an ein archaisches Mittelalter-Spektakel. Was noch fehlen würde, sind Musik, Tanz und Imbissbuden. Doch danach ist den Protestierenden auch nicht zumute. Stattdessen sind auf Transparenten und an Wäscheleinen gehefteten Zetteln Androhungen für den Fall zu lesen, dass »Stuttgart 21« umgesetzt wird. Zudem geben die Projektgegner klare Botschaften an die amtierende schwarz-gelbe Regierung: »Uns werdet ihr nicht los, wir aber euch«, lautet beispielsweise eine Parole in Anspielung auf die bevorstehende Landtagswahl am 27. März. Für den Fall, dass es zu einem rot-grünen Machtwechsel kommt, haben SPD und Grüne bereits einen Volksentscheid in Aussicht gestellt, ob »Stuttgart 21« tatsächlich realisiert werden soll.

Zwei neue Stadtteile geplant

Davon wollen die Verantwortlichen einer Ausstellung zum Bahnprojekt Stuttgart - Ulm«, angesiedelt im Turm des Hauptbahnhofs, nichts wissen. Das sogenannte »Turmforum« informiert auf vier Etagen über das umstrittene Vorhaben. Für Walter Heil, der die Besucher in 75-minütigen Führungen durch die Räume begleitet, gibt es keinen Zweifel an einer Realisierung. Per Knopfdruck fährt in einem maßstabsgetreuen Modell die Fassade des künftigen Bahnhofs nach oben, und man sieht die geplante Anordnung der Bahnsteige. »Nur noch acht statt 16 Gleise stehen dann zwölf Meter unter der Erde um
90 Grad gedreht zur Verfügung. Die frei werdende Fläche der bis ins Jahr 2019 stillgelegten Gleisanlagen des jetzigen Kopfbahnhofes werden neu genutzt. Auf 100 Hektar entstehen zwei neue Stadtteile, 50 davon bleiben unbebaut, noch einmal 20 Hektar davon werden zu Grünflächen«, erklärt Heil bei dem Rundgang. Europaviertel wird der Stadtteil heißen, der direkt auf den momentan noch vorhandenen Gleisanlagen entstehen soll. Großzügige Objektlichter an der Oberfläche erhellen die unter der Erde liegenden Bahnsteige.

Eindrucksvoll zeigt zudem eine virtuelle Tafel, um wie viele Minuten sich die Fahrzeit zwischen Hauptbahnhof und Flughafen verringern wird. Zwei grüne Lichtobjekte blitzen auf und starten zeitgleich Richtung Ziel: heute brauchen die Züge 27 Minuten, künftig soll die Strecke in acht Minuten zurückgelegt werden. Rosig erscheint die Theorie mit mondäner Multimediaschau, Großleinwänden, Simulationen und Projektionen. Steigt man jedoch die engen Treppenstufen auf die Aussichtsplattform, wird man schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Verlassen hat man die Welt der visionären Stadtplaner, und passend zum Klima, das seit dem Streit um »Stuttgart 21« vorherscht, weht dort oben ein eisiger Wind.

Moderner Verkehrsknoten

Noch dominiert ein riesiges Gleisbett als trennendes Element zwischen den Stadthälften das Landschaftsbild. Und stellt man sich nun in die Richtung, in der künftig die Züge an- und abfahren sollen, erkennt man noch besser als auf allen Schaubildern, warum das Projekt so viel Geld verschlingt. Durch den 90-Grad-Dreh ist eine Gleisanbindung an das bestehende Netz nur durch aufwendigen und teuren Tunnelbau möglich, da die Stadt in einem Kessel mit Hanglage liegt. Und beim Blick über Weinberge, Einkaufsstraßen, Schienenstränge und historische Stadttürme bekommt man auch noch einmal das bezeichnende Bild einer Stadt zu sehen, die sich verändert hat in den letzten Monaten.

Im idyllischen Schlosspark fallen ein letztes Mal an diesem Tag die Zeltcamps auf, deren Bewohner auf den Tag X warten: auf den Tag, an dem die dortigen Bäume weichen müssen, damit genau zwölf Meter darunter die Züge eines Jahrhundertprojekts fahren können. Eines ist sicher: die Stadt würde durch »Stuttgart 21« zu einem der modernsten Verkehrsknotenpunkte Europas auf der Achse Paris - Bratislava. Wird der geplante Bahnhofsbau eines Tages tatsächlich realisiert werden, könnte der Baden-Württemberger in Anbetracht der Dimension des Projekts dann allerdings nicht mehr von einem verniedlichenden Bahnhöfle sprechen.



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