24. Januar 2011, 17:05 Uhr

Thalheimer inszeniert in Berlin Hauptmanns »Weber«

Große Tragödie für den kleinen Mann: Michael Thalheimer inszeniert in Berlin Hauptmanns »Weber« und liefert damit ein historisches Bünendokument ab.
24. Januar 2011, 17:05 Uhr
Beklemmend, dunkel, steil und abschüssig: Thalheimers »Weber« gehen in Berlin als TheaterRohkost durch.

Wenn »Die Weber« mal kein Wutbürger-Stück sind! Sie sind eins, in dem mit der Faust auf den Tisch gehauen und die Verzweiflung hinausgebrüllt wird. Und in dem sie am Ende alles kurz und klein schlagen, ehe das Militär kommt. Hier kriegen die Blutsauger, die Fabrikanten wie Dreißiger und sein Expedient Pfeifer, Volkes Stimme und Wut mit dem Dreschflegel von Hauptmanns Theater-Schlesisch so lange übergezogen, bis jede Dialektik flötengeht und sich der Weltgeist eins kichert.

Denn »Die Weber« haben mit ihrer Hände Arbeit nicht die Spur einer Chance gegen die mechanischen Webstühle in den neuen Fabriken. Was heute als Globalisierung in die Poren der Gesellschaft dringt und dabei ihre Kräfte mobilisieren soll, das kam am Vorabend des industriellen Zeitalters wie ein göttliches Verhängnis über die Menschen.

Für Hauptmann ist der Schlesische Weberaufstand von 1844 das historische Vorbild für sein 1894 am Deutschen Theater offiziell uraufgeführtes Kernstück des Naturalismus. Ihm brachte es Ruhm und den Literaturnobelpreis ein. Und dem Theater die Kündigung der Loge des Kaisers.

Es geht um den menschlichen Preis eines Kapitalismus, der seine Widersprüche gerade in Reinkultur auszubilden beginnt. Eigentum und Profit gehören zur göttlichen Ordnung, Widerspruch wird (noch) nicht geduldet und der Arbeiter hat keine Stimme. Wenn es dann zum nackten, wirklich physischen Überleben nicht mehr reicht, bleibt nur noch dumpfe Notwehr.

Michael Thalheimer nimmt Hauptmanns Text als eine große Tragödie für den kleinen Mann und deshalb sehr ernst. Er rückt die »Weber« damit in seiner auf einhundert Minuten verdichteten Version aber auch in eine ziemlich ferne Zeit. Nur wenn Ingo Hülsmann als Fabrikant Dreißiger die Hilferufe der Weber mit einem Klagelied über das schwere Los des Fabrikanten kontert, dann klingt das ziemlich hochdeutsch und modern. Ansonsten bleiben die Instrumente der Vergegenwärtigung des Textverdichters Thalheimer so gut wie ungenutzt. Diesmal werfen sich seine Schauspieler mit einer quasi naturalistischen Grundierung in die Thalheimersche Figurenstilisierung und Textexegese. Hier wird vor allem im Leid geklotzt, gebrüllt und gewütet, was das Zeug hält.

Frontal zum Publikum und treppauf, treppab. Die Weber-Wut und den Weber-Aufstand hat Bühnenbildner Olaf Altmann diesmal auf einen Treppennenner gebracht. Dunkel, steil und abschüssig. Mit einem Ganzoben und einem Ganzunten.

Michaela Barth hat die Weber in prekäre Kostümlumpen gesteckt, in denen man sogar den Gutgenährten sogar den Hunger, den Suff und die Verzweiflung als bare Münze abnehmen kann. Bei Dreißiger, dem opportunistischen Pfeifer (Moritz Grove) und der Fabrikanten-Gattin (Isabel Schosnig) markiert das Angestelltenzivil von heute sozialen Abstand.

Hat man sich erst mal in das Theaterschlesisch, in das sich alle redlich hineinsteigern, eingehört, dann entfaltet der Abend eine beklemmende, ja sogar berührende Wucht. Wenn Peter Moltzen etwa mit bedrohlich ruhigem Starrsinn als Bäcker von Pfeifer verlangt, ihm seinen Lohn in die Hand zu geben und nicht vor die Füße zu werfen. Auch all den anderen gelingen solche Momente, in denen Mitgefühl unausweichlich ist. Und doch entkommt der Abend einem Dilemma nicht. Thalheimer bläst nicht zur Attacke auf den modernen Umverteilungsstaat, in dem er so tut, als hätte der Kapitalismus in zweihundert Jahren nichts über das eigene Überleben dazugelernt. Doch indem er sich auf seine Art so rückhaltlos auf diesen Text einlässt, macht er ihn vor allem zu einem historischen Bühnendokument. Wenn man die »Weber« aber so auf sich selbst reduziert, dann offenbaren sie, dass ihnen vor allem dialektischer und psychologisierender Tiefgang fehlt, um wirklich als Bühnenantwort auf die heutigen Fragen der Realität zu taugen

Joachim Lange

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