10. Januar 2011, 20:16 Uhr

Oper Frankfurt zeigt das Projekt »Neunzehnhundert«

Oper Frankfurt zeigt das Projekt »Neunzehnhundert – ein ewiges Lied«. Die Rahmenhandlung soll drei Musikwerke zusammenhalten.
10. Januar 2011, 20:16 Uhr
Jetzt geht’s rund: Die Überreste eines Riesenrads dekorieren die Bühne, auf der die Akteure zwar eifrig, aber nicht immer nachvollziehbar agieren. (Foto: Barbara Aumüller)

Im Prater blühen schon wieder die Bäume, und das Riesenrad mit 13 Wiener Persönlichkeiten aus der Zeit um 1900 bricht zusammen, wird durch gut einhundert Jahre gebeamt und landet im Jahr 2011 auf der Bühne des Bockenheimer Depots. Das ist die Vorgeschichte und Rahmenhandlung, die sich Jungregisseurin Elisabeth Stöppler für ihre Produktion »Neunzehnhundert – ein ewiges Lied« ausgedacht hat, die am Sonntag in Frankfurt Premiere feierte.

Die aus ihrer Zeit Herauskatapultierten werden mit drei Musikwerken der Wiener Moderne konfrontiert: dem Mimodram »Ein Lichtstrahl« von Alexander Zemlinsky, »Verklärte Nacht« in der Fassung für Streichorchester von Arnold Schönberg und »Das Lied von der Erde« von Gustav Mahler in einer Kammerorchesterfassung des zeitgenössischen Komponisten Jens Joneleit. Allen drei Werken liegen Texte zugrunde: bei Zemlinsky als Pantomime-Regieanweisungen, bei Schönberg als Programm und bei Mahler als Liedtexte.

Zu Beginn arbeiten sich die Abgestürzten langsam aus Trümmern von Jahrmarktsbuden und dem brückenförmigen Fragment des Riesenrads heraus (sehr ansprechendes Bühnenbild von Hermann Feuchter), der Dirigent Yuval Zorn setzt sich ans Klavier und der ewige Walzer in Gestalt von Zemlinskys Mimodram kann beginnen.

Wer nun gehofft hatte, diesen erst 1992 uraufgeführten, selten gespielten Vorläufer des Stummfilms, der ein Eifersuchtsdrama um eine Frau erzählt, in originaler pantomimischer Umsetzung zu sehen, wurde enttäuscht. Wie bei den beiden anderen Werken zeigten die elf Mimen – überwiegend Schauspielerinnen und Schauspieler – und der Tenor des Mahler-Werks mit burlesken Sprüngen und übermütigen Gesten ihre Reaktionen auf die Musik. Dazu wurden lautstark die musikalischen Vortragsbezeichnungen und der Regietext inklusive sämtlicher Satzzeichen rezitiert.

Das ergab zwar eine durchaus virtuose Sprechcollage, die Musik Zemlinskys war aber kaum noch zu hören. Besser erging es Schönberg, bei dessen »Verklärter Nacht« das zugrunde liegende Dehmel-Gedicht vorher vorgetragen wurde. Die illustre Gesellschaft reagierte, wie damals bei der Uraufführung, verstört – mit entsprechenden Aktionen. Wer dies alles nicht mitvollziehen wollte, konnte die Augen schließen und sich ganz auf die hervorragende musikalische Ausführung des Orchesters unter Leitung von Yuval Zorn konzentrieren.

Bestechend war auch die Interpretation von Mahlers »Lied von der Erde«. Die farbige und plastische Kammerorchesterfassung von Jens Joneleit ließ die verschiedenen Facetten von Mahlers Musik in neuem Licht erscheinen. In den sechs Sätzen boten Tanja Ariane Baumgartner (Alt) und Shawn Mathey (Tenor) brillante Sangesleistungen.

Auch darstellerisch standen sie im Mittelpunkt: Mit ausgezeichnet auf die Musik abgestimmter Mimik und Gestik erzeugten sie eine bis dahin nicht erreichte Intensität – ein Lichtblick in einer Produktion, in der drei Musikwerke mit eigenen Inhalten und eine Rahmenhandlung, die sich nur durch Lektüre des Programmheftes erschließt, sich ziemlich fremd gegenüberstanden. Anita Kolbus



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