14. Juli 2010, 19:52 Uhr

Rheingau Musikfestival begeistert erneut mit Mahler

Rheingau Musikfestival: Bariton Thomas Hampson und das Schleswig-Holstein Festival-Orchester präsentieren Werke von Gustav Mahler.
14. Juli 2010, 19:52 Uhr
Thomas Hampson

Ein Abend von außergewöhnlichem künstlerischem Format konnte am Dienstag so manchem Musikfreund die Ohren ganz neu öffnen für Gustav Mahler. Schwere Kost? Mitnichten. Zumindest nicht mit den Interpreten, die im Rahmen des Rheingau Musikfestivals (RMF) in den Thiersch-Saal gekommen waren. Auf dem Programm standen die Rückert-Lieder und die 1. Sinfonie D-Dur (»Der Titan«).

In Wiesbaden zu Gast war nach einer fünfwöchigen Tournee durch die Neue Welt das Schleswig-Holstein Festival-Orchester unter Christoph Eschenbach. Die fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert sang Thomas Hampson. Der Bariton aus Washington, längst auf den Bühnen und Konzertpodien der Welt zu Hause, war schon einmal Gast beim RMF. Seine Darbietung zeigte einen Sänger im Zenit seiner Kunst, der jedem der sehr unterschiedlichen Lieder mit spezifischem Ausdruck gerecht wurde. Vom humorvollen »Blicke mir nicht in die Lieder« bis zum entrückten Schluss in »Ich bin der Welt abhandengekommen« machten Sänger und Orchester den sowohl familiär-privaten als auch existenziellen Gehalt der Stücke deutlich.

In dem mit Sordino-Einsatz und Harfentönen gezeichneten »Ich atmet einen linden Duft« setzte Hampson die lyrischen Qualitäten seines kraftvollen, wohltönenden Organs mit Intelligenz und Bedacht ins Licht und fesselte mit überraschend weichen Höhen seine Hörer. Dem sonst schlichten melodischen Duktus setzt ein Tonartwechsel den besonderen farblichen Akzent. In »Liebst du um Schönheit« – das genauso wie »Um Mitternacht« sehr an Harmonien und Instrumentalkunst von »Das Lied von der Erde« erinnert – ließ der Solist den innewohnenden Enthusiasmus verhalten durchschimmern, und Eschenbach am Pult zeichnete die arabes-ken Linien der Melodieführung ges-tisch nach.

Dramatisch, düster und emotional geladen erklang das Mitternachts-Lied, zum expressiven Arioso gesteigert bei der Textstelle »...kämpft ich die Schlacht, o Menschheit, deiner Leiden« und in Dur endend beim gebethaft-apotheotischen Schluss. Hier zeigten Sänger und Ensemble, wie sensibel sich Intimität mit Dramatik paaren kann.

Hampsons phänomenale Atemtechnik ist Gestaltungsteil der souveränen Stimmbeherrschung und diszipliniert minimierten Körpersprache. In diesem Sinne gelang auch die Vergegenwärtigung von Einsamkeit in »Ich bin der Welt abhandengekommen«. Hier wurden überdies die hervorragenden kammermusikalischen Qualitäten des Orchesters deutlich in Harfe, Holz und Hörnern und den transparenten Pianissimi der Streicher: eine Stimmung wie im Adagietto der 5. Sinfonie – ergreifend!

Ergriffen von einer tief empfundenen Interpretation der Rückert-Lieder war auch das Publikum, das nach Schweigesekunden in begeisterten Applaus ausbrach. Hampsons Zugabe war die Wiederholung des poetisch-empfindsamen »Ich atmet einen linden Duft«.

»Mit einem Schlag sind in mir alle Schleußen geöffnet« – so kommentierte Mahler seine 1. Sinfonie, die 1888, 13 Jahre vor den Rückert-Liedern, entstand. So frisch und spannend musiziert – da wurde es Hörern und Musikern in dem kühl klimatisierten Saal warm ums Herz. Ganz das Verdienst des Orchesters aus 29 Nationen, die Mitglieder zwischen 17 und 27 Jahren alt. Mit unverbrauchtem Enthusiasmus und hoher Präsenz sorgten sie für eine differenziert ausgeführte Durchzeichnung der wechselnden Stimmungen mit ihren extremen dynamischen Kontrasten. Da gebührt das Lob sowohl einer überzeugenden Ensembleleistung wie auch der kammermusikalischen und solistischen Seite – alle gaben nach den Anweisungen Eschenbachs mit Hingabe und Konzentration ihr Bestes. Mit gezieltem Körper- und Mimikeinsatz leitete der temperamentvolle, drahtige Dirigent seine Musiker durch die Sinfonie, und der Überschwang des jungen Komponisten teilte sich direkt mit.

Kühn schon der Beginn: Zu einem Piano-Teppich aus archaischen Intervallen stoßen aus dem Off Trompetenfanfaren hinzu. Eschenbach ging das gemächlich an, um dann Spannung aufzubauen bis zum knackigen Fortissimo. Aufhorchen ließ auch der zweite Satz in manchen Details, so in der sehr wienerischen Färbung mit dem Anschleifen des Auftakts und kleinen Verzögerungen. Diesen Mahler-Effekt bringt nicht jedes Orchester so zustande. Diese liebenswürdige Couleur fiel auch innerhalb des dritten Satzes auf in der folkloristischen Zither-Harmonik. Eine charismatische Konzertmeisterin, faszinierende Bläser bis hin zur Tuba-Spielerin gefielen ebenso wie die homogenen Streicher und das hochpräsente Schlagzeug. Eine grelle Atacca und umso mehr himmlische Süße kontrastierten dann im letzten Satz, der das Anfangsthema aufnimmt und schließlich im Tutti-Jubel mündet.

Von feurigem Biss bis zu lyrischen Himmelsvisionen war alles drin in diesem Mahler. Viele »Vorhänge« für eine unwiderstehlich frische Wiedergeburt: Das Publikum tobte vor Begeisterung, und die jungen Musiker auf dem Podium feierten ihren Pultstar mit Stampf-Beifall.

Olga Lappo-Danilewski



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