28. Juni 2010, 19:58 Uhr

HR-Sinfonieorchester eröffnet Rheingau Musikfestival

Paavo Järvi und das HR-Sinfonieorchester eröffnen mit Mahlers 2. Sinfonie das Rheingau Musikfestival. Begeisternder Abend.
28. Juni 2010, 19:58 Uhr
Pathos bis zum Abwinken: Paavo Järvi dirigiert sein HR-Sinfonieorchester sowie den Chor des Bayerischen Rundfunks und den des NDR (beide nicht im Bild) zum Auftakt des Rheingau Mu- sikfestivals in der Basilika des Klosters Eberbach. Vorn die beiden Solistinnen Camilla Tilling und Lilli Paasikivi (l.). (Foto: Ansgar Klostermann)

Wenn sieben Bässe auf der Bühne bereitstehen, sich die Zahl der Notenpulte kaum mehr zählen lässt und weiter hinten mehr als 60 Stühle für den Chor aufgebaut sind, ist klar: Der Abend wird größer als groß, er wird monumental. Mit Gustav Mahlers mächtiger 2. Sinfonie hat das HR-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Paavo Järvi am Samstagabend in der Basilika des Klosters Eberbach das Rheingau Musikfestival eröffnet. Die Partitur verlangte nicht nur den Musikern alles ab.

Järvi, der damit seine Mahler-Interpretationen bei dem Festival fortsetzt, gelang mit dem hundertköpfigen Orchester plus den Stimmen des NDR-Chors und des Chors der Bayerischen Rundfunks ein musikalischer Vulkanausbruch. Eruptiv und voller Urgewalt schleuderte das Orchester den kolossalen Klangkosmos durch das ehrwürdige Gotteshaus. Erhaben bahnte sich die epische Konstruktion ihren Weg, ganz auf dynamische Gegensätze ausgerichtet - vom zartesten Pianissimo bis zum berstenden Fortissimo lotet Mahler die orchestrale Allmacht exzessiv aus. Doch weil dies dem Tonkünstler nicht genügte, dürfen im vierten und fünften Satz die Vokalisten Prächtiges dazu beisteuern, die Wellen des klanggewordenen Flammenmeers noch höher schlagen zu lassen.

Die beiden Solistinnen, Mezzosopranistin Lilli Paasikivi (traumhaft ihr »Urlicht«) und Sopranistin Camilla Tilling mit ihrer elegischen Stimme vervollständigten ein Musikereignis, dessen traumatischen Höhepunkt der Chor für sich in Anspruch nehmen darf: Wenn im fünften Satz die Männer- und Frauenstimmen das »Auferstehn« sphärisch hinhauchen, wird alles zu reiner Emotion. Mahler hätte seine Freude an der Aufführung gehabt.

Jenseits des Pathos bildet die 2. Sinfonie einen persönlichen, weil autobiografischen Höhepunkt im Schaffen des Künstlers. Die Zweite trägt den Untertitel »Auferstehungssinfonie« und ergänzt die Erste, die Mahler nach einer wenig gefeierten Uraufführung später mit »Der Titan« überschrieb. Im ersten Satz der Zweiten, der »Totenfeier«, wird der aus der Ersten bekannte Held zu Grabe getragen - sein Leben zieht an ihm vorüber, ehe im vierten und fünften Satz die Versöhnung mit Gott im Mittelpunkt steht.

Auch wenn sich Mahler im Nachhinein von den leidenschaftlichen Begleittexten zur Sinfonie distanzierte, bleibt die Musik doch eine Dichtung, die längst nicht mehr auf die Konstruktion der Sonatenhauptsatzform hört, auch wenn - zumindest - im letzten Satz darauf zurückgegriffen wird.

Die Reminiszenzen an des »Knaben Wunderhorn« und an Klopstocks »Auferstehungsode« (die Mahler im Detail nicht gefallen haben kann, da er kurzerhand den Text kürzte und selbst zu Ende schrieb) dürfen an diesem Abend der romantischen Gefühle nicht fehlen.

Das Orchester folgte in dem anderthalbstündigen Konzert seinem Dirigenten auf Schritt und Tritt. Die reichen Bläsersätze dominierten trotz der wagemutigen Besetzung nicht zu sehr, die Streicher spielten wie aus einem Guss, elegant ihr weidlich ausgelebtes Pizzicato.

Die abrupten Duktuswechsel, die den Zuhörer immer wieder ohne Vorwarnung treffen, transportierte Järvi zielsicher. Die Tutti ließ der Dirigent mit weiten Gesten passieren, während er Akzente mit leichtem Fingerzeig initiierte. Am Ende stand dem Maestro während des minutenlangen, stürmischen Applauses die Gewissheit ins Gesicht geschrieben, Großes geleistet zu haben. Manfred Merz



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