25. November 2009, 18:42 Uhr

Hysteriker mischt Männerheim auf

Staatstheater Darmstadt zeigt George Taboris Hitler-Farce »Mein Kampf« als flotte und amüsante Inszenierung.
25. November 2009, 18:42 Uhr
Die Katakombenruhe des Heims ist gestört (v. l.): Uwe Zerwer (Himmlischst), Tom Wild (Hitler) und Gabriele Drechsel (Gretchen). (Foto: Barbara Aumüller)

Auf der von Anna-Sophie Blersch eingerichteten Bühne des Staatstheaters Darmstadt stehen aus zusammengepressten bunten Lumpen gestaltete Sitze und Bänke, ein Dixi-Klo und im Hintergrund ein hoch aufgetürmter, später geplünderter und bis aufs nackte Gerüst zerstörter Kleiderberg, hinter dem Frau Tod auf ihre Opfer lauert: Das öde Ambiente eines Wiener Männerheims, in dessen Trostlosigkeit ein Neuzugang hereinschneit: Ein ungehobeltes Großmaul mit Zeichenmappe unterm Arm, das sich akademisch gebildet nennt, für einen verkannten großen Maler hält und die Katakombenruhe des Heims empfindlich stört. Zwei mitleidige Bewohner nehmen sich des offensichtlich unter Komplexen leidenden Burschen an, weisen ihn ein und versorgen ihn wie einen Bruder. Wofür sie freilich keinen Dank ernten.

Gespielt wird die Hitler-Farce »Mein Kampf« von George Tabori. Mit dem Autor in der Rolle des Lobkowitz wurde sie 1987 in Wien uraufgeführt und zwiespältig aufgenommen, danach auf allen Bühnen zur Diskussion gestellt und dann langsam ad acta gelegt. Jetzt ist das Stück wieder gefragt und findet derzeit in den Kammerspielen ein interessiertes Publikum. Martin Ratzinger kürzte, verdichtete und eliminierte weniger wichtige Personen, um sich auf das ungleiche Gespann Hitler/Herzl zu konzentrieren.

»Er hat sich in mein Leben gedrängt, meine Träume vernichtet, mein Pläne zuschanden gemacht«, sagte der vor zwei Jahren verstorbene berühmte Theatermann über das »Ungeheuer Hitler«, dem er die Auslöschung seiner ganzen Familie »verdankt«. Eine Farce als Ausdruck persönlicher Abrechnung, in der er den hysterischen Angeber zwar der Lächerlichkeit preisgibt, die latente Gefährlichkeit des 22-jährigen Maulhelden, der als Massenmörder später Millionen Menschen auf dem Gewissen haben wird, jedoch immer wieder durchscheinen lässt.

Eindrucksvoller als die platten und vulgären Passagen, an denen kein Mangel herrscht, sind die behutsamen leisen und weisen Töne, die Zwiegespräche zwischen dem arbeitslosen Koch Lobkowitz, der sich zuweilen als Gott fühlt und Schlomo Herzl, seinem Freund im Elend, dem unscheinbaren kleinen Buchverkäufer mit dem großen Herzen, der mehr und mehr zur zentralen Figur im Stück wird: zum Beschützer und Helfer. Nicht ahnend, dass er einem Mörder das Beil reicht, mit dem er bald erschlagen wird.

Sinnfälligerweise lässt Tabori nicht Hitler das Buch »Mein Kampf« schreiben, sondern Schlomo Herzl, der es freilich niemals vollenden wird, Herbert Schneider spielt ihn gedankentief, stark und entschlossen.

Tom Wild gibt den Hitler derb, primitiv und überheblich. Noch fehlt ihm das Eiskalte, das Über-Leichen-Gehende, aber seine spätere Hinwendung zum selbstherrlichen Machtmenschen zeichnet sich schon ab. Gut Klaus Ziemann als Lobkowitz, Uwe Zerwer als Schlachter Himmlischst und Gabriele Drechsel als Schlomos angebetetes Gretchen, das blitzschnell die Seiten wechselt, sich Hitler an den Hals wirft und zu seiner Geliebten aufsteigt.

Diana Wolf geht ihrem Job als Frau Tod in Lackstiefeln und Hotpants (später in schwarzem Spitzenkleid) zigarettenrauchend nach. Als dringend nach einem talentierten Handlanger Suchende erkennt sie Hitlers »Naturtalent« auf den ersten Blick und engagiert ihn als Sensenknaben.

»Mein Kampf« ist geschickt, amüsant und flott gemacht, doch in Taboris Farce steckt mehr, als in Darmstadt zu erleben ist.

Britta Steiner-Rinneberg

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