23. Oktober 2009, 17:34 Uhr

Mehr Licht in ein dunkles Kapitel Spaniens

Auf den Spuren von Federico García Lorca in Granada.
23. Oktober 2009, 17:34 Uhr
»Lorca sind alle«, steht auf dem Gedenkstein in der Schlucht von Vízar.

Mühsam schlängelt sich der Bus die schmale Straße hinauf in die Sierra de Alfaguara im Nordosten von Granada, um in einer Kurve plötzlich zu halten: Barranco de Vízar ist auf einem Schild zu lesen, die Schlucht von Vízar also. Nach einigen Metern des langsamen Anstiegs bleibt Alfonso Alcalá oberhalb eines ausgetrockneten Bachlaufs stehen: »Hier an dieser Stelle wurden die Gefangenen in der Regel erschossen«, erklärt der Direktor der García-Lorca-Stiftung in Fuente Vaqueros, dem Geburtsort des Dichters.

Dann, nach ein paar weitere Schritten, erreicht die kleine Gruppe eine Senke: »Hunderte« von Toten seien hier anonym verscharrt, erklärt Alcalá. Das armselige Massengrab löst Beklemmung aus: Nur einige Plastikblumen und ein schmaler Gedenkstein mit der Aufschrift »Lorca sind alle« weisen auf die Stätte des Grauens unter Franco hin. Noch in den 1960er Jahren habe man hier Kiefern gepflanzt, um den unwirtlichen Ort zu kaschieren, berichtet Alcalá. An einen Baum haben die Angehörigen einen Zettel befestigt: Besucher sollen bitte die Ruhe der Toten achten und dies als einen Friedhof betrachten.

Wer García Lorcas Grab sucht, muss noch einige Kilometer bergaufwärts die »Landstraße des Todes« fahren. Nachdem er in der Colonia, ursprünglich ein Ferienheim für Kinder, die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, wurde der Schriftsteller zusammen mit einem Volksschullehrer und zwei Banderilleros nach Alfacar verschleppt und dort in den frühen Morgenstunden des 18. oder 19. August 1936 erschossen. »Der Kreis hat sich geschlossen«, philosophiert Alcalá, denn von hier oben konnte Lorca zum Abschied noch einmal auf die Vega, die Region seiner unbeschwerten Kindheit und Jugend, schauen.

Ein schmuckloser Park - die Provinzregierung Granadas hat 1980 das Gelände gekauft, um es vor der Bebauung zu retten - trägt heute in Alfacar Lorcas Namen. Die Fläche um den Gedenkstein an einem Olivenbaum ist allerdings inzwischen eingezäunt, denn Wissenschaftler wollen hier mit Bodenradar-Geräten nach Leichenresten suchen. Wenn es nach dem Willen einiger Angehöriger geht, sollen nach über 70 Jahren die Leichen endlich ausgegraben und identifiziert werden, um ihnen eine würdigere letzte Ruhestätte zu bereiten.

34 Jahre nach dem Tod des Diktators tut sich Spanien immer noch schwer, die Verbrechen des Franco-Regimes aufzuarbeiten. Erst 2004 verabschiedete die Regierung ein Gesetz zum Schutz des historischen Gedächtnisses. Doch seitdem die Enkelin des Dorfschullehrers Galindo und ein Enkel des Banderilleros Galadí den Antrag auf Exhumierung ihrer Großväter stellten, quälen sich die Gerichte mit einer endgültigen Entscheidung. Auch die sechs Nichten und Neffen Lorcas möchten die Ruhe der Toten nur ungern stören, zeigen inzwischen aber Verständnis für das Begehren.

Obwohl er nie aktiv im Bürgerkrieg kämpfte, zählt Federico García Lorca zu den prominentesten Opfern des totalitären Systems und nimmt heute den Status eines Volkshelden ein - Legendenbildung inbegriffen. Denn inzwischen schließt man persönliche Rache nicht mehr aus. Letztendlich war der homosexuelle Dichter und Dramatiker wegen seines außergewöhnlichen Lebenswandels einigen Mitgliedern der zahlreichen bürgerlichen Familie Lorca ein Dorn im Auge. So soll ihn wahrscheinlich eine Cousine - sie lebt noch heute über hundertjährig in Madrid - verraten haben.

Nach dem Militärputsch hatte der 38-Jährige Unterschlupf im Hause des befreundeten Schriftstellers Luis Rosales mitten in Granada gesucht. Da die Familie Franco freundlich gesinnt war, glaubte er hier, einer Verhaftung zu entgehen. Am 16. August 1936 wurde sein Schwager, sozialistischer Bürgermeister von Granada, hingerichtet, wenige Stunden später nahm man García Lorca im Hause von Rosales fest. Heute ist in die Calle Ángulo 1 ein feines Restaurant eingezogen, das die Betreiber ungeniert »Rincón de Lorca«, Lorcas Winkel, nennen. Eine Hinweistafel auf die tragischen Ereignisse in diesen Räumlichkeiten sucht der Gast vergeblich.

Man wolle keine alten Wunden aufreißen, ist vielerorts noch immer zu hören. Doch wer sich ernsthaft mit der Biografie des spanischen Poeten auseinandersetzt, kann auch dessen Ermordung nicht ausklammern. Es ist die Generation der Enkel, die das Schicksal ihrer Großeltern jetzt endlich hinterfragt. Maria Barbal zum Beispiel, eine katalanische Autorin aus Barcelona, hat dies literarisch höchst ansprechend in ihren beiden Romanen »Wie ein Stein im Geröll« und »Inneres Land« getan.

Seine letzten Monate verbrachte Federico García Lorca in dem Sommerhaus seiner Familie vor den Toren der Stadt. In der Huerta de San Vicente empfing er nicht nur befreundete Künstler zum Gedankenaustausch - eine kleine Zeichnung Dalìs ziert eine Wand mit mehreren Bildern -, hier fand er auch zehn Jahre lang die Ruhe, die ein Dichter zum Schreiben braucht. Seine bekannten Theaterstücke »Yerma« und »Bluthochzeit« entstanden am großflächigen Schreibtisch in seinem schlichten Schlafzimmer, in dem eine feine Häkeldecke der Mutter das Bett verhüllt. Von der Mutter hat er auch die Liebe zur Musik geerbt: Im Erdgeschoss steht der Flügel, an dem Federico gerne spielte.

Die Huerta de San Vicente in Granada ist heute ebenso zu besichtigen wie das Wohnhaus in Valderrubio, in das die Lorcas mit ihren drei Kindern zogen, nachdem der Vater durch die floriende Landwirtschaft mit Zuckerrüben Anfang des 20. Jahrhunderts zu beachtlichem Reichtum gekommen war. Hier inspirierte die Familie Alba in der Nachbarschaft den Autor zu seinem wohl bekanntesten Bühnenwerk »Bernarda Albas Haus«.

Auch das Geburtshaus in Fuente Vaqueros - vielleicht 30, 40 Kilometer von Granada entfernt - ist heute ein Museum. In dem bescheidenen Haus kam der kleine Federico am 5. Juni 1898 zur Welt und war bald der Augenstern seiner Mama, die als Volksschullehrerin auch die musische Erziehung ihres Erstgeborenen förderte. Federicos Wiege ist hier zu sehen - und ein Foto, das den berühmten Liedermacher Leonard Cohen mit diesem Kinderbettchen zeigt. In Verehrung für den spanischen Dichter hat er seine Tochter Lorca genannt.

Autor: Marion Schwarzmann

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