31. August 2009, 17:44 Uhr

Geheimnisvoll wie aus Himmelssphären

Claudio Abbado ist eine Größe für sich. Vor allem die Mahler-Interpretationen des 76-Jährigen mit dem trefflichen Lucerne Festival Orchestra, das sich aus renommierten Solisten, Abbados Freunden und Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra rekrutiert, sind einmalig und unübertroffen.
31. August 2009, 17:44 Uhr
Dirigent Claudio Abbado (r.) mit seiner Solistin Magdalena Kozená. (Festivalfoto)

Claudio Abbado ist eine Größe für sich. Während die meisten jüngeren Dirigenten bei der klassischen und romantischen Sinfonik meist zu viel zu schnellen Tempi neigen, zählt er noch zu der schon fast ausgestorbenen Generation derer, die im Alter mit ungemeiner innerer Ruhe und Sinn fürs Geheimnishafte in die Musik eintauchen. Vor allem die Mahler-Interpretationen des 76-Jährigen mit dem trefflichen Lucerne Festival Orchestra, das sich aus renommierten Solisten, Abbados Freunden und Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra rekrutiert, sind einmalig und unübertroffen. Weshalb es auch nicht wundert, dass das am Vierwaldstätter See idyllisch gelegene und von den prächtigen Schweizer Alpen umsäumte Luzern mit seinem obendrein akustisch hervorragenden, direkt über dem Wasser gebauten »Salle blanche« schon seit Jahren zu einem Pilgerort anspruchsvoller Musikfreunde aus aller Welt geworden ist. Reiste man noch in den 1990er Jahren nach München, um dort den altersweisen Sergiu Celibidache im Zenit seiner Brucknerdirigate mit den Münchner Philharmonikern zu erleben, so ist jetzt Luzern der Ort musikalischer Offenbarungen.

Mit der ersten und der (von uns besuchten) vierten Sinfonie setzt Abbado in diesem Sommer seinen Mahler-Zyklus fort. Eine klug gewählte Kombination, kehrte doch Mahler bei seiner vierten zu den Dimensionen der ersten zurück, indem er den riesigen Orchesterapparat der vorhergehenden Werke reduzierte, gar auf Posaunen und die Tuba verzichtete, die er ursprünglich für den Höhepunkt im langsamen Satz hatte einsetzen wollen. Da wirkt es nur konsequent, dass der Italiener seine hervorragenden Solisten, unter denen besonders die Holzbläser gefordert sind, zu einem überwiegend leichten, elastischen Klang bringt.

Wie lieblich gelingt zu Beginn das Ritardando der ersten Geigen nach den Achteln der Flöten und Schellen im »Bedächtig« und wie tänzerisch leicht das erste Thema, wie kammermusikalisch transparent in einem Tempo, das man wahrlich als »gemächlich ohne Hast« empfinden konnte, der zweite Satz. Dies ist die Stunde des Konzertmeisters Kolja Blacher, der mit seiner um einen Halbton höher gestimmten, dem Ländlerrhythmus eine unnatürliche Klangfarbe verleihenden, Scordatura-Violine zum Totentanz aufspielt. Dann die Sternstunde des Abends: das »Ruhevoll«. Wie aus dem Nichts erhebt sich die überirdisch schöne, verklärte Melodie im dreifachen Pianissimo, unendlich langsam, als hielte Abbado die Zeit an und geheimnisvoll wie aus Himmelssphären. Wie sagte doch Celibidache? Musik ist Wahrheit.

Dagegen nahm sich Mahlers Sechste einen Tag darauf mit dem Philharmonia Orchestra unter Esa-Pekka Salonen recht profan und kapellmeisterlich, vor allem weil der es nicht versteht, die Türen im Adagio in die Sphären der Verzückung und Entrücktheit zu öffnen.

Abbado und seine Solistin Magdalena Kozená aber, die ihrem Wunderhorn-Sopran-Solo im Finale jene helle Naivität verlieh, die es kennzeichnet, hielten die knisternde Spannung über den letzten Takt hinaus. Den letzten Satz so leise und langsam ausklingen zu lassen - das kann wohl nur Abbado, auf den nach einhelligem Jubel sogar ein Blütenregen niederging.

Das Lucerne-Festival, es steht aber auch für starke Kontrastprogramme. Wo versammeln sich sonst schon so hervorragende unterschiedliche Klangkörper wie das Lucerne Festival Orchestra, die Wiener Philharmoniker und die English Baroque Soloists, die gemeinsam mit dem Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner einen weiteren Höhepunkt mit Händels Oratorium »Israel in Egypt« setzten? Gardiner, der Grandseigneur unter den Originalklangexperten, beherrschte sogar die komplexe Partitur auswendig! Ungemein elastisch der Klang auch hier, zudem herrlich majestätisch im Gotteslob und farbenreich in den fein instrumentierten lautmalerischen alttestamentarischen Naturimpressionen. Wie bei Mahler so wurde auch hier die entfesselte Natur zu einer Seelenlandschaft. Natur, so lautet schließlich auch das Motto dieses großartigen Festivals, das in Zukunft auch das Musiktheater noch stärker verankern will und dafür eigens den Bau eines flexibel gestaltbaren Raums mit einer beweglichen Bühne plant, einen sogenannten »Salle modulable«. Kirsten Liese

Das Lucerne Festivale geht noch bis zum 19. September. Weitere Infos unter <%LINK auto="true" href="http://www.lucernefestival.ch" text="www.lucernefestival.ch" class="more"%>.

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