24. August 2009, 11:16 Uhr

Opulentes aus Skandinavien und ein Violinkonzert von Brahms

Im Friedrich-von-Thiersch-Saal hochrangige Interpreten zu erleben, ist ein Fest für Ohren und Augen, gehört er doch in seinem historisierenden Prunk mit klassizistischem Einschlag zu den prächtigsten Konzertorten weit und breit und bietet ein ausgewogenes Hörerlebnis selbst bei großer Besetzung. Das bestätigte sich am Donnerstag, als im Rahmen des Rheingau Musik Festivals die Königliche Philharmonie Stockholm in Wiesbaden mit einem skandinavisch betonten Programm aufwartete.
24. August 2009, 11:16 Uhr
Klanggewordene Lyrik, aber zu wenig Leuchtkraft: Baiba Skride musiziert gemeinsam mit der Königlichen Philharmonie Stockholm im Kurhaus Wiesbaden. (Foto: RMF/Ansgar Klostermann)

Im Friedrich-von-Thiersch-Saal hochrangige Interpreten zu erleben, ist ein Fest für Ohren und Augen, gehört er doch in seinem historisierenden Prunk mit klassizistischem Einschlag zu den prächtigsten Konzertorten weit und breit und bietet ein ausgewogenes Hörerlebnis selbst bei großer Besetzung. Das bestätigte sich am Donnerstag, als im Rahmen des Rheingau Musik Festivals die Königliche Philharmonie Stockholm in Wiesbaden mit einem skandinavisch betonten Programm aufwartete. Am Pult stand der aus Finnland stammende Dirigent Sakari Oramo, Gast war die lettische Geigerin Baiba Skride, die zu den interessantesten Solisten der jungen Generation gehört. Sie trat mit Johannes Brahms’ Violinkonzert auf. Die flammendrote Robe sorgte für den optischen und der Klang ihrer »Strad« aus dem Jahr 1725 für den akustischen Genuss.

Zu Beginn machte das Orchester in voller Besetzung auf einen schwedischen Komponisten aufmerksam, Wilhelm Stenhammar (1871 - 1927). Seine Konzertouvertüre »Excelsior!« wurde 1896 von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt und steht ganz in spätromantischer Tradition. Dem duftig intonierten Beginn folgt eine orchestrale Steigerung von Wagner’scher Wucht. Lyrik aus zartesten Violinklängen wird kontrastiert von stürmenden, drängenden Steigerungen, bevor die Bläser moderat gefühlsbetonte Passagen einleiten. Und dann wieder Hochspannnung, deren Verläufe durchaus an Vorbilder wie Bruckner und Mahler erinnern. Oramo gab mit vitalem, schnörkellosem Dirigat dem konstrastreichen zehnminütigen Frühwerk markante Konturen, welche das Spitzenorchester bis in kleinste Ziselierungen ausfüllte. Brahms’ Violinkonzert gehört zu den Schönsten dieser Gattung und lässt sich stilistisch auf vielfältige Weise zum Leben erwecken. Die Schweden bevorzugten in Wiesbaden den strengeren Stil im Schaffen des Hamburger Meisters, eher schlank und ein wenig spröde als musikantisch erblühend. Der ausgedehnte erste Satz wirkte von der sinfonischen Konzeption so durchdrungen und als geschlossene Einheit, dass der voll besetzte Saal danach spontan in Beifall ausbrach. Der galt nicht zuletzt Skride, die sich mit Hingabe in die farbenreiche Partitur vertieft hatte. Hohe technische Anforderungen meisterte sie erwartungsgemäß; sehr ansprechend ihre filigran durchleuchteten Pianissimi und die herrlich ansprechenden Tiefen ihres Instruments in der Kadenz.

Das folgende Adagio war ein Satz zum Innehalten vor dem höchst temperamentvoll dargebotenen Schluss-Allegro. Alles in allem eine beeindruckende Interpretation, der jedoch das wesentliche Quäntchen schwelgerischer Romantik und poetischer Leuchtkraft fehlte. Wie flexibel und eigenwillig Skride mit Stil und Auffassung umgeht, zeigte sich in einer Bach-Zugabe, die schlicht und verinnerlicht herüberkam.

Ein dickes Kaliber stellte Oramo mit seinen Stockholmern nach der Pause vor; die 4. Sinfonie op. 29 mit dem Beititel »Das Unauslöschliche« (damit meint der dänische Komponist Carl Nielsen das Leben). Nielsen und Stenhammar standen in musikalischem Austausch mit dem Ziel, sich von Wagner und der Spätromantik zu lösen.

Interessant nun, nach der Ouvertüre von Stenhammar die 20 Jahre später entstandene Sinfonie Nielsens zu hören, deren Fortschritt sich besonders in Passagen archaisch anmutender Starkrhythmik niederschlägt. Die kontrastreiche Anlage mit den vier ineinandergreifenden Sätzen erscheint von eminentem Ausdruckswillen geprägt: erzählerische Stellen der Celli im Allegro, gespenstisch wirkende, versetzte Rhythmen, selbst militärisches Pathos fehlt nicht. Aber auch reizvoll skizzenhafte Holzbläser und höchste technische Anforderungen an die Streicher gibt es (Geigen im präzis gemusterten Hochleistungs-Prestissimo!).

Dann wieder Naturschilderungen mit »nordischer« Komponente: Assoziationen an die spezifische Tonsprache des gleichaltrigen Jean Sibelius stellten sich ein. Ein informatives, aber in seiner Gedankenüberfrachtung höchst anspruchsvolles Hörerlebnis.

Mit einer humorvollen »Wiedergutmachung« für die angestrengten Ohren des Publikums brachte Oramo als Zugabe die andere Seite Nielsens zum Klingen - mit der Ouvertüre zu seiner Oper »Maskarade«. Und in einem Ungarischen Tanz von Brahms trieb der energievolle Maestro den tänzerischen Schwung auf die Spitze. Donnernder Applaus! Olga Lappo-Danilewski

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