03. August 2009, 17:20 Uhr

Das meiste nicht mehr als Mittelmaß

Mit einer fulminanten Aufführung der ersten Reprise von Stefan Herheims »Parsifal«-Inszenierung fand die Premieren-Woche der 98. Bayreuther Festspiele einen würdigen Abschluss. Mit musikalischem Einfühlungsvermögen, großen Bildern und einer perfekten Personenführung verbindet Herheim die Stationen des Erlösungs-Mythos’ mit der Geschichte der Festspiele von der Gründerzeit bis zur Bundesrepublik.
03. August 2009, 17:20 Uhr
Tankred Dorsts »Ring«-Inszenierung: Hier eine Szene aus der »Götterdämmerung« mit Edith Haller, Simone Schröder und Martina Dike (v. l.) als Nornen.

Und das so unverkrampft, dass selbst Hakenkreuz-Fahnen beim Zusammenbruch des bösen Klingsor-Reichs und Trümmerfrauen zu den Hoffnungsschimmern des Karfreitagszaubers nicht aufgesetzt wirken. Den dramaturgischen Mittelpunkt bildet ein »Siechbett«, dem die Schlüsselfiguren Parsifal, Amfortas und Kundry in modifizierten Alters- und Bewusstseinsstufen entsteigen. Als Chiffren menschlicher Leidensfähigkeit und tiefer Erlösungssehnsucht verleihen sie den konkreten historischen Andeutungen eine zeitlose Allgemeingültigkeit, die überzeugt, auch wenn Herheim wieder fast so viele Buhs einstecken musste wie Katharina Wagner für ihre weit weniger reflektierte und handwerklich wesentlich bescheidenere »Meistersinger«-Deutung.

Maestro Daniele Gatti ging im »Parsifal« diesmal mit dick aufgetragenem Pathos sparsamer um als im Vorjahr, drohte lediglich im Schlussakt ins Schleppen zu geraten. Das Orchester klingt unter seinen Händen fabelhaft. Was Gatti fehlt, demonstrierte in den Tagen zuvor Christian Thielemann im »Ring«: die Fähigkeit, weit gespannte Passagen unter Spannung, selbst riesige Monologe und ganze Akte unter Kontrolle zu halten und sich nicht in Details zu verlieren. Künstlerisch bildeten Herheim und Thielemann in diesem Jahr die Speerspitze, wenn auch leider in zwei verschiedenen Stücken. Sonst bewegte sich das meiste in nicht immer festspielwürdigem Mittelmaß. Tankred Dorsts »Ring«-Inszenierung hat auch im vierten Anlauf nichts an konzeptioneller Überzeugungskraft, handwerklicher Präzision und szenischer Spannung hinzugewonnen. Christoph Marthalers raffiniert zurückgehaltene Personenführung im »Tristan« leidet nach fünf Jahren unter schmerzlicher Blutarmut.

Eine Hauptaufgabe des neuen Führungs-Duos von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier muss in der Gewinnung von Stimmen aus der Premier-League bestehen. Erstklassiges lässt sich aus dem Sängerlager an den Fingern einer Hand abzählen. Besonders in den ganz großen Partien, die gestandene Wagner-Stimmen erfordern, konnte niemand vollauf überzeugen: ob Linda Watson und Christian Franz als Brünnhilde und Siegfried, Richard Dean Smith und Iréne Theorin als Tristan und Isolde, ob Christopher Ventris und Mihoko Fujimura als Parsifal und Kundry, Albert Dohmen als Wotan oder gar der enttäuschende Alan Titus als Hans Sachs. Mehr als obere Mittelklasse war in dieser Liga nicht zu hören.

Publikumsliebling Klaus Florian Vogt bot als Walther von Stolzing zwar eine der kultiviertesten und gesangstechnisch besten Leistungen, doch fehlt seinem wunderschönen Tenor jede metallische Brillanz. Positiv hervorzuheben sind einige Einzelleistungen: Robert Holl als König Marke, Norbert Ernst als David, Andrew Shore als Alberich, Hans-Peter König als stimmlich glänzender, aber darstellerisch eindimensionaler Hagen und Kwangchul Youn als Hunding und Gurnemanz, auch wenn er am Ende des »Parsifal« etwas einbrach. Über ein gelungenes Rollen-Debüt darf sich Wolfgang Schmidt freuen, der die Partie des Mime erfreulich präsent aussang, anstatt sie zu deklamieren.

Es wäre unfair, von den Wagner-Schwestern in den nächsten Jahren Wunder erwarten zu wollen. Sie haben sich mit langfristig geschlossenen Verträgen abzufinden, und Heerscharen erstklassiger Wagner-Sänger stehen nicht zur Verfügung. Auf den Pressekonferenzen hielten sich die beiden zurück, wenn sie nicht gleich nach einigen dürren Begrüßungsworten das Weite suchten. In der Premierenwoche kann von einem Informationsvakuum aus erster Hand gesprochen werden.

Änderungen sind dennoch spürbar. Nicht nur durch die Gründung der bisher erfolgreichen Kinderoper oder dem Public-Viewing-Spektakel. Auch im äußeren Erscheinungsbild nimmt man von fränkischer Bodenständigkeit Abschied. Trendiges Silber bestimmt die Optik der einst »blauen Mädchen« an den Pforten, und die Sponsoren treffen sich in der »Silver Lounge«. Das Sponsoring gehört zu einer weiteren Hauptaufgabe. Zur Gewinnung neuer Sponsoren hat die »Gesellschaft der Freunde von Bayreuth« eine eigene Service GmbH unter Leitung des ehemaligen Intendanten des Dortmunder Konzerthauses, Ulrich Andreas Vogt, gegründet.

Ex-Prinzipal Wolfgang Wagner war in der Woche nicht zu sehen. Ihm scheint es nicht gut zu gehen. Krankenschwestern gehen in seinem Haus ein und aus, und selbst der Bundeskanzlerin gelang es nicht, vorgelassen zu werden. Angela Merkel genoss die Tage wie in den letzten Jahren sichtlich. Lediglich die spielfreien Tage fürchtet sie ein wenig: »Morgen wird es anstrengend. Dann muss ich wandern.«

Pedro Obiera



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