28. Juni 2009, 18:32 Uhr

Zwischen Todesahnung und himmlischer Freude

Ein Monument der Musikliteratur stand am Samstag als erstes Konzert von 141 Terminen der zweimonatigen Sommersaison des Rheingau Musik Festivals auf dem Programm. Ministerpräsident Roland Koch eröffnete den Abend in der Eberbacher Klosterkirche.
28. Juni 2009, 18:32 Uhr
Paavo Järvi (r.) dirigierte das hr-Sinfonieorchester im Kloster Eberbach. ©Manfred Roth/hr

Zahlreiche Ehrengäste waren anwesend - von unmittelbar am RMF Beteiligten über Minister, Sponsoren, Kirchenmänner (darunter S. E. Karl Kardinal Lehmann) bis zum Spanischen Generalkonsul Javier Ignacio Martinez del Barrio. Das Konzert wurde nämlich nicht nur im Hessischen, sondern auch im Katalanischen Rundfunk direkt übertragen; die Videoaufzeichnung lief gestern Abend im hr-Fernsehen. So herrschte schon im Vorfeld der Musik eine besondere Atmosphäre, als Moderatorin Franziska Reichenbacher das Programm kurz vorstellte.

Es bestand aus Gustav Mahlers letzter vollendeter Sinfonie, der Neunten in D-Dur. Das viersätzige Werk wurde 1912 posthum von Bruno Walter in Wien herausgebracht. Alban Berg, in der Uraufführung dabei, sprach vom »Herrlichsten, das Gustav Mahler komponiert hat«. Das gewiss auch zum Schwierigsten für die Instrumentalisten gehörende, rund eineinhalbstündige Opus hatte das hr-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirgenten Paavo Järvi gründlich studiert; das Ergebnis war eine tief empfundene, differenziert ausgeleuchtete Interpretation des auch in der Besetzung mächtigen Werks.

Hier kulminiert die Gedankenwelt des Komponisten in einem Stadium, das die Düsterkeit des Todes mit der Süße von Himmelsvisionen bezwingend in Kontrast setzt. Anklänge an das unmittelbar zuvor entstandene »Lied von der Erde« und an die dissonant überspannten Akkordsetzungen des Fragments der Zehnten weisen auf Grenzen herkömmlicher (spätromantischer) Tonkunst; Arnold Schönberg schließt da zwar noch an, wendet sich jedoch in diesen Jahren bereits der Zwölftontechnik zu.

Mahlers Neunte entstand in einer Zeit beruflicher und familiärer Schicksalsschläge. Sie beginnt und endet mit einem langsamen Satz. Die düsteren Anfangstakte entwickelte das hr-Orchester langsam »atmend« als funebren Seufzer. Schon die Instrumentation geht in Extrembereiche der gängigen Orchesterbesetzung - so mit Kontrafagott, Bassklarinette, vier Hörnern, zwei Harfen, doppelter Paukenbesetzung, mächtigem Blech, Glocken, Triangel. Hier sind allerdings bei den Tutti vernehmbare akustische Eigenheiten zu vermerken: Fortissimi vereinen sich quasi mit der Architektur des Kirchenraums und erzeugen ein dumpfes Dröhnen, das physisch mitreißt, aber die Durchsichtigkeit überlagert. Positiv gesehen, gehört das allerdings zum besonderen Reiz des sakralen Ambientes.

Der zweite Satz wiederholt Zitate eines Ländlers gleich melodischen Floskeln; Järvi entlockte den Streichern markante Betonungen und erreichte bei aller Derbheit doch den Eindruck einer geistvoll-bitteren Satire des Alpenländisch-Volkstümlichen. Exakt gelang der knifflige dritte Satz, dessen kosmisch-raumlos anmutende und scheinbar chaotisch wirkende Einschübe immer wieder vom strengen Gerüst der Fuge eingefangen werden.

Die Streicher legten sich in der Einleitung des Schlussatzes mit Pathos ins Zeug; ein gewaltiges Legato, das choralartig den Kirchenraum erfüllte und von Järvi mit ruhigen, großen Gesten umgesetzt wurde. Höchste Geigentöne kontrastieren mit tiefstem Kontrafagott und assoziieren Gruft und Himmel. Die Töne schweben, brechen ab fast wie im Schlussgesang im »Lied von der Erde« - und werden noch einmal zum Erstrahlen gebracht, getragen von den vier Hörnern. Faszinierend schließlich der Schluss: Die Musik zieht sich zurück. Sie will sich schattenhaft auflösen. Järvi vermied jedoch das Überdehnen der Einzeltöne - ein Zugeständnis an die Akustik? Dem langsamen Eingehen des Klanges ins Nichts folgten Schweigesekunden im Raum. Dann brach sich Beifall Bahn - heftig, herzlich und langanhaltend nach einem intensiven Hörerlebnis. Olga Lappo-Danilewski



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