09. Juni 2009, 19:32 Uhr

Tauschhandel und andere düstere Geschäfte

Jeder Tag der Hessischen Theatertage in Marburg ist einem anderen Theater gewidmet. Gestern präsentierte sich das Stadttheater Gießen gleich mit drei, wenn auch kleineren Produktionen: morgens um zehn mit dem Piratenabenteuer »Tortuga« in der pfiffigen Inszenierung des Kinder- und Jugendtheaterleiters Abdul-M. Kunze. Um 18 Uhr zeigte der Jugendclub seine getanzte Version von »Don Quixote« und am Abend dann war die Kammeroper von Michael Nyman »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« zu erleben.
09. Juni 2009, 19:32 Uhr
Gospodin (Tilman Meyn) hat dem Kapitalismus abgeschworen.

Jeder Tag der Hessischen Theatertage in Marburg ist einem anderen Theater gewidmet. Gestern präsentierte sich das Stadttheater Gießen gleich mit drei, wenn auch kleineren Produktionen: morgens um zehn mit dem Piratenabenteuer »Tortuga« in der pfiffigen Inszenierung des Kinder- und Jugendtheaterleiters Abdul-M. Kunze. Um 18 Uhr zeigte der Jugendclub seine getanzte Version von »Don Quixote« und am Abend dann war die Kammeroper von Michael Nyman »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« zu erleben.

Das Staatstheater Darmstadt hatte zwei Aufführungen angekündigt, cancelte dann aber leider das Rock-Musical »The Black Rider« in der Stadthalle, weil der technische Aufwand angeblich zu groß war. So gab es denn im Theater am Schwanhof lediglich das Drei-Personen-Stück »Genannt Gospodin« zu sehen, eine unkompliziert zu realisierende Komödie von Philipp Löhle, da das Bühnenbild aus mehreren Ikea-Würfeln besteht, die je nach Bedarf verschoben werden.

In dieser bescheidenen Wohnung haust Gospodin, der dem Kapitalismus abgeschworen hat und jede Form des Geldverkehrs ablehnt. Er zieht den Tauschhandel vor – zwei Brote für acht Bücher –, und seine Freunde erleichtern ihn nach und nach um Kühlschrank und Stereo-Anlage. Gospodins Weltbild gerät völlig in Schieflage, als ihm ausgerechnet Greenpeace seine einzige Einnahmequelle, das Lama, wegnimmt.

Die Regisseurin Ina Annett Keppel, die in Gießen Theaterwissenschaften studiert hat, lässt die Schauspieler in lockerem Understatement agieren. Iris Melamed und Mathias Lodd brauchen nur ein paar Perücken, um sich in allerlei durchgeknallte Typen zu verwandeln. Tilman Meyn findet als Gospodin erst im Gefängnis seinen wirklichen Frieden, muss er sich hier um nichts kümmern, da alles bestens für ihn geregelt ist.

In die Hessischen Theatertage integriert ist das Kinder- und Jugendtheaterfestival, das bereits zum 14. Mal unter den bewährten Programmmachern um Chefdramaturg Jürgen Sachs in Marburg ausgerichtet wird. Und diese Sparte stiehlt den etablierten Stadt- und Staatstheatern glatt die Show, stecken die eingeladenen freien Gruppen mit ihrer unbändigen Spielfreude ihr dankbares Publikum unmittelbar an. Ein Engagement, das sich auch beim Auftritt des Theaters Pfütze aus Nürnberg auszahlte. Gut gefüllt war die Stadthalle, als das sechsköpfige Ensemble in der fantasievollen Regie von Christopher Gottwald seine Version von »Krabat« nach dem bekannten Jugendbuch von Otfried Preußler zeigte.

Ein wenig düster wirkt das Bühnenbild schon, doch schließlich gehen in der geheimnisvollen schwarzen Mühle merkwürdige Dinge vor, die sogar mit dem Tod enden können. Aber der intelligente Krabat (Martin Zels) kommt seinem Meister auf die Spur und schafft es schließlich, seinen unheimlichen Zauber zu brechen. Zwei Stunden verfolgten die kleinen und größeren Zuschauer – das Stück ist erst für Kinder ab zehn Jahren geeignet – das spannende Geschehen, das dramaturgisch klug durchdacht nach allzu dunklen Momenten von lustigen Liedern der Müllergesellen erhellt wird.

Noch fünf Tage geht das zweiwöchige Theaterfestival, das am Sonntagabend mit einer Aufführung unter freiem Himmel auf dem Marktplatz enden wird. Dann präsentiert dort das Nationaltheater Radu Stanca aus Sibiu/Hermannstadt, der rumänischen Partnergemeinde Marburgs, bei freiem Eintritt und auf deutscher Sprache die Kammeroper »Wie Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wurde« nach Peter Weiss. Auch für die übrigen Vorstellungen sind noch Restkarten erhältlich. Weitere Infos unter <%LINK auto="true" href="http://www.hlth.de" text="www.hlth.de" class="more"%>

Marion Schwarzmann

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