Regional

Spiel mir das Lied vom Tod

Es ist eine Art Roadmovie - nur dass die Straße immer die gleiche ist: aufgerissen, Rohre nicht repariert, einfach nur zugeschüttet. Hier verliert der achtjährige Edgar sein Leben bei einer wilden Verfolgsfahrt einer Polizistin, die glaubt, einen Bombenattentäter zu jagen und doch nur den zugekoksten Olaf im geklauten Wagen vor sich hat. Nach diesem Unfalltod gerät für acht Personen, eine Schicksalsgemeinschaft unserer Zeit, das Leben endgültig aus dem Ruder.
26. April 2009, 19:14 Uhr
Am Boden zerstört: Rabe (Roman Kurtz, Mitte) mit Irina Ries und Gunnar Seidel als  »Wir«.	(Fotos: Wegst)
Am Boden zerstört: Rabe (Roman Kurtz, Mitte) mit Irina Ries und Gunnar Seidel als »Wir«. (Fotos: Wegst)

Waren sie vorher schon an Leib und Seele versehrt, verlieren sie jetzt endgültig den Boden unter den Füßen und finden - zumindest einige von ihnen - nur im Sterben ihren Frieden.

Dea Loher, eine der viel gefragtesten Dramatikerinnen auf deutschen Theaterbühnen, entzündet »Das letzte Feuer« in einer sprachlichen Wucht und Brillanz, die Gastregisseur Titus Georgi mit dem zehnköpfigen Schauspielensemble sorgfältig und mit nachhaltiger Wirkung erarbeitet hat. Zu dem bereits erwähnten Personal gesellt sich mit Irina Ries und Gunnar Seidel ein keckes Paar - von der Autorin im Text als »Wir« bezeichnet -, das erzählt, kommentiert, die Handlung forttreibt, ja sogar als Erinnyen, griechische Rachegöttinnen also, verstanden werden kann. Es sorgt dafür, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann. Dabei wird mal variantenreich chorisch gesprochen, dann wieder in Dialogen und Monologen gespielt.

Der Rhythmus des Stücks wird stimmungsvoll unterstützt von der eigens komponierten Musik von Parviz Mir-Ali, der in der vergangenen Spielzeit am Stadttheater Gießen schon die Bühnenmusik von »Verbrennungen« kreierte. Sie klingt filmreif, diese Vertonung, die im stets passenden Moment das Gesehene untermalt und von einem Bild zum nächsten überleitet. Überhaupt eignet sich der Stoff durchaus für die Leinwand, wird der Zuschauer doch Beobachter einer nicht aufzuhaltenden Entwicklung, die sich - wie in einem spannend aufgebauten Western - in einem Showdown entlädt.

In der Ausstattung von Katja Wetzel kommt Roman Kurtz denn auch in Cowboyhut und Stiefeln daher. Doch sein Rabe Meier hat bessere Tage gesehen, kann die schrecklichen Erlebnisse als Soldat im Krieg nicht mehr verarbeiten. Er ist der einzige Zeuge des tödlichen Unfalls des Jungen, mietet sich prompt in einem Pensionszimmer ein und findet in Edgars Mutter eine neue Liebe. Eine Liebe, die nicht sein darf und kann, in der Barbara Stollhans als zerbrechliche Susanne Trost und Halt sucht, den ihr Mann ihr nicht geben kann. Frerk Brockmeyer verkörpert diesen fassungslosen Ludwig, der Lotto spielt, um nicht zu gewinnen, hat er das Glück doch nicht verdient. Am Ende wird er stumm auf Nimmerwiedersehen im Wald verschwinden - nicht ohne vorher seine Mutter von ihrem Leiden erlöst zu haben.

Anrührend und ergreifend spielt Petra Soltau die Rosmarie, in dieser Rolle glaubhaft um Jahre gealtert. In kleinen Trippelschritten schlürft sie in ihren Hausschuhen über die Bühne, fragt immer wieder nach dem kleinen Edgarchen, kann sie sich als Alzheimerkranke nicht merken, dass er längst tot ist.

Carolin Weber fehlt als Polizistin Edna eigentlich nur noch der schussbereite Revolver am Halfter, ist sie doch ständig auf dem Sprung. Sie fühlt sich zu Höherem berufen und wird von der Vorstellung getrieben, einen Terroristen zu stellen. Nur für Momente findet sie Ruhe an den Brüsten der Malerin Karoline. Die sind allerdings künstlich, hat sie ihre eigenen durch Krebs verloren. Kyra Lippler zeigt eine verletzte Frau, die tapfer um die Rückgewinnung ihres Selbstbewusstseins ringt. Sie ist es auch, die dem traumatisierten Soldaten Rabe ein selbst gemaltes Bild mit dem symbolischen Titel »Das letzte Feuer« schenkt - ein Feuer, das am Ende tatsächlich lodern wird und in dessen Flammen er umkommen wird.

Und dann wäre da noch der Junkie Olaf, der den Wagen steuerte, den die Polizistin fälschlicherweise verfolgte. Ihn sehen wir lange Zeit nicht, hat er sich doch in seinem Zimmer verbarrikadiert, das er aus Entsetzen über den Tod des Jungen nicht mehr verlassen will. Dafür machen wir die köstliche Bekanntschaft mit seinem Hund Humboldt, körperlich treffend dargestellt von Konstantin Lindhorst, einer verschmusten Dogge, die die Wohnung seines Herrchens mit Flöhen verseucht hat. Christian Fries hat als arbeitsloser Mitbewohner Peter den vergeblichen Kampf gegen diese lästigen Tierchen und die aussichtslose Situation aufgenommen.

Ausstatterin Katja Wetzel hat den Raum bis zur Hinterbühne aufgerissen und ganz in Schwarz getaucht. Auf dem Boden liegen überall Bretter verstreut, in die die Akteure immer wieder einzubrechen drohen, sich aber stets in einem Balanceakt fangen. Sie bewegt sich eben auf brüchigem Grund, diese Schicksalsgemeinschaft, für die nach und nach die Falle zuschnappt. Nach der Pause ziehen sich die dunklen Seitenwände immer mehr zu, grenzen den Aktionsradius beängstigend ein. Und der Zuschauer wird Zeuge eine weiteren Variation dieses Spiels vom Tod. Bei aller Schwere des Themas, das in Georgis Inszenierung im zweiten Teil einige Längen aufweist, gefällt die bildreiche, poesievolle Sprache Dea Lohers, die ihr Handwerk ebenso wie das Gießener Schauspielensemble bestens versteht. Das Publikum wusste diese Leistung bei der Premiere am Samstagabend mit reichlichem Beifall entsprechend zu würdigen. Marion Schwarzmann

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/art68,31635

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