24. März 2009, 18:36 Uhr

Eisiger Wind weht auf der Wendeltreppe

Die Deutsche Oper am Rhein leistete Pionierarbeit, als sie 1968 als erste westdeutsche Bühne Arnold Schönbergs sperriges Opern-Fragment »Moses und Aron« mit riesigem Erfolg aufführte. Kaum zu glauben, dass die Produktion in Düsseldorf und auf etlichen Auslandsreisen 50 Mal gezeigt wurde. Gut 40 Jahre nach diesem denkwürdigen Ereignis steht das Werk in der letzten Saison von Generalintendant Tobias Richter erneut auf dem Programm. Auch diesmal ist es am Rhein gut aufgehoben.
24. März 2009, 18:36 Uhr
Das Volk liegt am Boden zerstört: Moses (Michael Ebbecke, links) bleibt seiner Idee vom »unvorstellbaren Gott« treu, während sich der redegewandte Aron (Wolfgang Schmidt) um die Sorgen der Menschen kümmert. (Foto: Eduard Straub)

Die Deutsche Oper am Rhein leistete Pionierarbeit, als sie 1968 als erste westdeutsche Bühne Arnold Schönbergs sperriges Opern-Fragment »Moses und Aron« mit riesigem Erfolg aufführte. Kaum zu glauben, dass die Produktion in Düsseldorf und auf etlichen Auslandsreisen 50 Mal gezeigt wurde. Gut 40 Jahre nach diesem denkwürdigen Ereignis steht das Werk in der letzten Saison von Generalintendant Tobias Richter erneut auf dem Programm. Auch diesmal ist es am Rhein gut aufgehoben.

Obwohl alle Produktionen des Werks für großes Aufsehen sorgten, kann man die Inszenierungen seit der Uraufführung 1957 weltweit gerade einmal an den Fingern zweier Hände abzählen. Grund für die Zurückhaltung ist nicht nur die schwierige geistige Materie des Stoffs, sondern die immense Herausforderung an den Chor, der in seiner Riesenpartie virtuos zwischen Sprechen, fixiertem Sprechgesang, Kantilenen und kniffligen Zwölfton-Feldern mit schroffen Tempo- und Taktwechseln schalten muss. Dass der verstärkte Rheinopernchor, der in letzter Zeit nicht immer durch besondere Präzision auffiel, gerade diese Aufgabe beeindruckend meisterte, zeigt, dass mehr in ihm steckt, als er bisweilen zeigt. Die 78 Proben, die Chordirektor Gerhard Michalski ansetzte, waren jedenfalls gut investiert.

Damit sind die szenischen Probleme freilich nicht gelöst. Schönberg wusste schon, warum er das Werk ursprünglich als Oratorium veröffentlichen wollte. »Einziger, ewiger, allgegenwärtiger, unsichtbarer und unvorstellbarer Gott!« - Moses’ Gottesvorstellung als reine Idee steht eigentlich jeder szenischen Realisierung diametral im Weg. Es verwundert nicht, dass George Taboris bilderlose Leipziger Inszenierung 1998 die bisher immer noch schlüssigste Lösung bot.

Mit diesem radikal ideellen Gottesbild führt uns Schönberg zurück zu den Quellen des jüdischen Glaubens, zu dem er sich unter dem wachsenden Einfluss der Nazis entschieden bekannte. Um diese Idee dem Volk verständlich machen zu können, agiert Moses’ Bruder Aron als dessen redegewandtes Sprachrohr. Als Moses während des Empfangs der Gebotstafeln sein Volk 40 Tage allein lässt, sucht es Ersatz in der alten, vertrauten Götterwelt, symbolisiert durch das »Goldene Kalb«, das eine enthemmte Orgie an Sex and Crime auslöst.

Regisseur Christof Nel begeht geschickt einen Mittelweg zwischen der asketischen Oratorienkulisse von George Tabori und den dekorativen Illustrationen von Peter Steins Amsterdamer Produktion. Roland Aeschlimann schuf einen geschlossenen Raum mit einer an die Decke stoßenden Wendeltreppe, die keinen Ausweg lässt. Arons Wunder bleiben als Illusion unbebildert, das »Goldene Kalb« wird durch einen winzigen Tierkopf skizzenhaft angedeutet. Als entfesselte Orgie inszeniert Nels den berühmten »Tanz um das Goldene Kalb« nicht, eher als recht konventionelles und diszipliniertes Opferritual.

Nels Absicht, den religiösen Impuls zurückzudrängen, geht allerdings nur teilweise auf. Dass dem jüdischen Volk eisige Winde ins Gesicht blasen, wird etwas plakativ in den Überleitungen zwischen den Szenen angedeutet, wenn jeweils eine mächtige Brise das Volk durcheinander wirbelt. Die quasi theologischen Dispute der beiden Brüder behalten die Oberhand und bestimmen auch das Verhalten der Menschen, die mit den abstrakten Ideen Moses nichts anfangen können und sich nach einem einfühlsamen, verständlichen »Führer« sehnen, der sich freilich auch als Verführer entpuppen kann.

Michael Ebbecke gestaltet die Sprechrolle des Moses mit eherner Wucht, wobei er sich den Grenzen seines Einflusses bis zur Verzweiflung bewusst ist. »Wagnerianer« Wolfgang Schmidt hat als Aron keine Mühe, sich mit seinen vertrackten Gesängen gegen das mächtige Orchester durchzusetzen. Allerdings mangelt es seiner mittlerweile bedenklich tremolierenden Stimme an der nötigen Geschmeidigkeit. Ansonsten kann die Rheinoper bei der Besetzung der zahllosen kleineren Partien mit dem Bonus ihres großen und fest zusammengeschweißten Ensembles punkten.

Wie Christof Nel hält sich auch Kapellmeister Wen-Pin Chien mit orgiastischem Überdruck zurück. Er legt großen Wert auf ein durchsichtiges, sängerfreundliches Klangbild und hält die Fäden der extrem komplizierten Partitur sicher in Händen. Das entschädigt für das kleine Manko, dass eine Produktion dieses Kalibers eigentlich zur Chefsache erklärt werden müsste.

Freundlicher, teilweise begeisterter Beifall für alle Mitwirkenden für eine insgesamt tief beeindruckende Produktion. Pedro Obiera

(Die nächsten Aufführungen sind am 28. März sowie am 2., 5., 9. und 11. April; Karten-Telefon: 02 11/89 08-2 11)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arnold Schönberg
  • Auslandsreisen
  • Generalintendanten
  • George Tabori
  • Oper
  • Peter Stein
  • Völker der Erde
  • Wolfgang Schmidt
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos