18. Februar 2009, 18:14 Uhr

Zwischen Komödie und Schicksalsdrama

Anton Tschechows große Dramen (»Onkel Wanja« derzeit im Darmstadter Spielplan) erfuhren in den vergangenen Jahren im Rhein-Main-Gebiet zahlreiche interessante Aufführungen.
18. Februar 2009, 18:14 Uhr
Daniel Stock (Iwanow), Ute Baggeröhr (hier als Sascha) (Foto: M. Kaesler)

Doch um seinen dramatischen Erstling »Iwanow« machen Regisseure in der Regel einen weiten Bogen. Weshalb? Die innerhalb von zehn Tagen geschriebene Komödie des in russischen Intellektuellenkreisen längst bekannten 27jährigen Autors, der sie zwei Jahre später umarbeitete und zum Drama werden ließ, ist zwar als Versuch zu sehen, dem es an überzeugender Charakterisierung der Figuren wie an sublimem Ausdruck und Feinschliff noch beträchtlich fehlt. Doch lässt das Stück bereits alle Merkmale erkennen, die für Tschechows hochkarätige spätere Schauspiele so typisch sind: Bis zum Ekel gesteigerter, unerklärlicher Lebensüberdruss, Perspektivlosigkeit, Langeweile, Müßiggang und Melancholie, fehlende Schwungkraft, Begonnenes auch zu vollenden, Selbstbezichtigungen, Schulden und Schuldgefühle. Dazu kommen ständiger Wechsel zwischen hochgradiger Erregbarkeit und bleierner Apathie, Liebessehnsucht und -enttäuschung. Und nicht zuletzt tiefinnere, seelische Einsamkeit, die den Einzelnen so weit von seinen Nächsten und Freunden entfernt, dass sie keinen Zugang mehr zu ihm finden. Er siecht dahin, verlöscht oder macht mit einem letzten Funken von Willenskraft diesem sinnlosen Dasein selbst ein Ende.

In der Figur des Akademikers Iwanow, eines mehr schlecht als recht sein verschuldetes Gut bewirtschaftenden jungen Adligen, der seit fünf Jahren mit einer Frau verheiratet ist, die er längst nicht mehr liebt, der einmal große Pläne hatte, sich politisch und sozial engagierte, sich jetzt aber leer und zu nichts mehr fähig fühlt, hat Tschechow das alles vorgebildet. Kaum 30 Jahre alt und schon ein erschöpfter Greis, kann Iwanow seinem Leben nichts mehr abgewinnen, fühlt sich überfordert, krank und ausgebrannt, hadert, schreit und tobt und kommt gegen die quälenden Depressionen doch nicht an. Vergeblich das verzweifelte Bemühen Anna Petrownas, seiner übel behandelten, lungenkranken Gattin, die ihn trotz allem immer noch liebt. Vergeblich auch das hartnäckige Werben der jungen Sascha, der sein seelischer Notstand gerade recht kommt, ihn sich zu angeln: Um zur Retterin aus dem Tief und Beschützerin zu werden, an das fast schon vergessene frühere Leben anzuknüpfen und gemeinsam ein neues zu beginnen.

Ja, es gab dieses wunderbare »früher«! »Schade, dass Sie ihn da nicht gekannt haben,« sagt Anna zu dem sich ehrlich um sie sorgenden Arzt. »Er ist ein ganz besonderer Mensch, in den ich mich auf den ersten Blick verliebt hatte!« Um dem heißblütigen, »guten Menschen«, für den sie ihn hielt, zu folgen, verriet die Jüdin Rachel ihren Glauben, überwarf sich mit den Eltern, gab sich einen neuen Namen und verzichtete auf ihr Erbe. Krank, verachtet und verstoßen, begreift sie die unverständliche Wesensänderung des Mannes nicht, der sich selbst zunehmend ein Rätsel ist. »Ich verstehe nicht, was in meiner Seele vorgeht... ich begreife es einfach nicht!!« Mit unruhig wandernden Augen, von unbestimmten Schuldgefühlen geplagt, sucht Iwanow in seinem ans Publikum gerichteten großen Monolog dieser Veränderung auf die Spur zu kommen, grübelt, rätselt, reflektiert und kommt keinen Schritt weiter. Nur einmal wird seine klaftertiefe Depression für kurze Zeit erhellt: Vor der Hochzeit mit Sascha, die er nach Annas Tod heiraten will. Alles ist vorbereitet, die festlich gekleideten Gäste sind zur Zeremonie versammelt. Da holt den erneut von Lebensekel Gepackten die alte Düsternis wieder ein und hält ihn fest umklammert. Iwanow dreht voll durch: »Die Hochzeit wird nicht stattfinden!«, brüllt er der erstarrten Gesellschaft ins Gesicht und sinkt kurz darauf zusammen. »Ich bin hin...«

Regisseur Sebastian Schug trat am Heidelberger Theater bereits mit »Was ihr wollt« und Lars von Triers »Idioten« hervor. Er inszeniert erstmals einen Tschechow, bringt ihn in der Übersetzung Thomas Braschs und stark gekürzt als Mittelding zwischen Komödie und Schicksalsdrama auf die von Christian Kiehl mit ein paar Stellwänden und einem schwarzem Vorhang, der im Hochzeitsbild einem weißen Wolkenstore weicht, auf die Bühne und lässt, die Zeitlosigkeit unterstreichend, in modernen Kostümen Nicole Zielkes spielen.

Dank des vollen Einsatzes der motivierten, spielfreudigen Darsteller springt der Funke schnell ins Publikum über, das einige der acht Spielfiguren unschwer als Vorläufer von Tschechows späteren Dramengestalten erkennt: Heiner Junghans gibt den gewissenhaften, jungen Arzt Lwow, der die Kranke betreut, Klaus Gofalka-Adami den Gitarre spielenden, clownesken Müßiggänger Graf Schabjelski, Ronald Funke den Gutsnachbarn (und Schwiegervater in spe) Lebedjew, Matthias Rott (leider reichlich überzogen) den undurchsichtigen Verwalter Borkin und Maria Prüstel die junge Witwe.

Daniel Stock, der seit Spielzeitbeginn im Ensemble ist, hat sich auf seine erste große Rolle hier, die komplizierte Figur des mit sich selbst im Krieg liegenden und scheiternden, lebensüberdrüssigen Iwanow gründlich vorbereitet, sollte jedoch weniger hastig und dafür deutlicher sprechen. Die beiden Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielen, hat Schug mit der gleichen, sehr wandlungsfähigen Schauspielerin besetzt: Ute Baggeröhr ist im schwarzem Spitzenkleid als tief gedemütigte, geprügelte und verstoßene Anna ebenso überzeugend wie als rücksichtslos um ihr »Glück« kämpfende, draufgängerische junge Sascha, der die im Weg stehende Vorgängerin nicht schnell genug ins Grab sinken kann.

Großer Beifall für alle Beteiligten und für eines der vielen Stücke, die lange achtlos beiseite geschoben wurden, uns aber immer noch etwas zu sagen haben.

Nächste Auff. am 20. und 29. März. Tel. 06221 5820000 Britta Steiner-Rinneberg



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