09. Januar 2009, 17:04 Uhr

Flagge, Farben, Lied und Adler im Wandel des Bewusstseins

Mit der Ausstellung »Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole« versucht das Haus der Geschichte in Bonn, Nachhilfearbeit zu leisten.
09. Januar 2009, 17:04 Uhr
Das Hambacher Schloss war 1832 Ort der Großdemonstration für Nationale Einheit, Grundrechte und Pressefreiheit (Foto: bf)

Diese Ausstellung war eigentlich überfällig. Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft, die auch eine des Fahnenschwenkens war, geht man davon aus, dass die Deutschen mit ihren Nationalsymbolen Frieden geschlossen haben. Ob dies auch etwas über das Bewusstsein für die historischen Wurzeln von Flagge, Hymne und Adler aussagt, darf bezweifelt werden.

Mit der Ausstellung »Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole« versucht das Haus der Geschichte in Bonn, Nachhilfearbeit zu leisten. Dass in diesem Kontext das Bonmot des damaligen Justizministers und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der 1969 äußerte, dass er nicht den Staat, sondern seine Frau liebe, nicht fehlen darf, ist klar. War es doch Ausdruck einer tief sitzenden Skepsis, mit der breite Teile der Bevölkerung der Staatsrepräsentation und den damit verbundenen Symbolen und Praktiken gegenüberstanden. Erst mit der ausgeprägten Verwurzelung in der Europäischen Union und der Wiedervereinigung sollte sich das allmählich ändern.

Die Nationalsymbole, wie wir sie heute kennen, haben ihre Ursprünge nicht, wie man annehmen könnte, in der Gründungsphase der Bundesrepublik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - und auch nicht in der Zeit der Wiedervereinigung. Flagge, Hymne und Wappen sind älter. Einer tatsächlichen Neuschöpfung, wie sie durchaus einige Male diskutiert wurde, stand die Mehrheit der Entscheidungsträger immer ablehnend gegenüber. Auch wenn Schwarz-Rot-Gold weit in die Geschichte zurückweist, so muss doch nachdrücklich betont werden, dass es nach dem Ende der Nazi-Diktatur das einzige unbelastete Symbol war.

Die Farben der deutschen Trikolore fanden sich in den Uniformen des Lützow’schen Freikorps, das gegen die napoleonischen Invasoren kämpfte. 1815, nach dem Ende des Krieges, schlossen sich in Jena viele Freiheitskämpfer, die an die Universität zurückgekehrt waren, zu einer Burschenschaft zusammen, die von Historikern als Avantgarde der deutschen Nationalbewegung angesehen wird. Ihre Fahne bestand aus zwei gleichgroßen Farbbahnen in schwarz und rot. Eingefasst waren sie mit einer goldenen Paspel, woraus bald der dritte Streifen werden sollte. Auf dem Treffen der Burschenschaften 1818 einigte man sich auf Schwarz-Rot-Gold in seiner heutigen Form als Banner der deutschen Burschenschaften.

Die Farben symbolisierten Freiheit und Einheit, die es in den damaligen deutschen Ländern nicht gab. Mit den Karlsbader Beschlüssen wurde Schwarz-Rot-Gold verboten. Ihr Coming-out erlebte die Fahne 1832 während des Hambacher Festes, der ersten Großdemonstration, auf der u.a. nationale Einheit, Grundrechte und Pressefreiheit gefordert wurden. In der Märzrevolution 1848 folgten viele Kämpfer schwarz-rot-goldenen Fahnen. Als das Parlament in der Paulskirche in Frankfurt am Main zusammentrat, war der Saal in Schwarz-Rot-Gold getaucht. Das Deutsche Reich schmückte sich dagegen lieber mit Schwarz-Weiß-Rot, das erst in der Weimarer Republik gegen den massiven Widerstand rechter Kreise und der Kommunisten durch Schwarz-Rot-Gold ersetzt wurde.

Nach der Gründung der BRD gab es deutlich weniger Schwierigkeiten, diese Farben durchzusetzen - erst recht in der DDR. Man berief sich in beiden deutschen Staaten mit unterschiedlicher Gewichtung auf die Traditionen von 1848.

Nicht zuletzt durch den Aufstand vom 17. Juni 1953, bei dem die Arbeiter mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durch das Brandenburger Tor schritten, wurden diese Farben, die im Osten dann 1959 mit Hammer und Sichel ergänzt wurden, zum Symbol der deutschen Einheit.

Stärker als die Fahne polarisierte das Deutschlandlied die Politiker der jungen Bundesrepublik. In der Bevölkerung aber fand die Hymne, die ab 1922 in der Weimarer Republik und - erweitert um das Horst-Wessel-Lied - auch von den Nazis gesungen worden war, breite Zustimmung, so dass Theodor Heuss sein Vorhaben einer neukomponierten und getexteten Hymne aufgeben musste. Der Bundespräsident hatte den Traditionalismus in Deutschland unterschätzt. 1952 wurde das »Lied der Deutschen«, das Hoffmann von Fallersleben 1841 gedichtet hat und in der Mitte des 19. Jahrhunderts inhaltlich einen gänzlich anderen Klang hatte, zur Nationalhymne der BRD - mit allen drei Strophen. In den ersten Jahren nach Gründung der BRD war nur die Musik von Joseph Haydn angestimmt worden. Bei »staatlichen Veranstaltungen« solle aber nur die dritte Strophe des Liedes, das der liberale Dichter 1841 verfasst hatte, gesungen werden, verfügte das Bundespräsidialamt.

In der DDR durfte Johannes R. Bechers »Auferstanden aus Ruinen« nur bis 1972 angestimmt werden. Weil es darin auch heißt »Deutschland, einig Vaterland«, was in der Honecker-Ära nicht mehr Ziel der SED-Politik war, erklang fortan nur noch Hanns Eislers Musik. Der letzte DDR-Ministerpräsident, Lothar de Maizière, wagte sich mit dem Vorschlag, »Einigkeit und Recht und Freiheit« mit dem Becher-Text und Haydns Musik zu kombinieren, an die Öffentlichkeit. Eine Idee, die bei Helmut Kohl auf helle Empörung stieß.

Auch der Bundesadler, das Nationalsymbol mit der längsten Geschichte, galt er doch in seiner doppelköpfigen Ausgabe als römisch-deutsches Wappentier, sträubte sich erfolgreich gegen Neuinterpretationen. Anknüpfend an demokratische Traditionen wurde das Wappentier der Weimarer Republik, das auch im weit weniger demokratischen Deutschen Reich seinen Dienst verrichtet hatte, wiederbelebt und zierte in üppiger Form die Bonner Plenarsäle. Frühe Vorschläge, den Vogel mit den Wappen der Bundesländer zu verbinden, wurden ebenso abgelehnt wie das Vorhaben des Architekten des Reichs-tag-Umbaus, Norman Foster. Der Engländer wollte den Adler schlanker und geschmeidiger darstellen - ohne Chance. Immerhin schaut der Raubvogel jetzt ein wenig freundlicher auf das parlamentarische Treiben.

60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik und fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist ein deutlicher Bewusstseinswandel in der Sicht auf die Nationalsymbole zu verzeichnen. Die Bonner Ausstellung reagiert auf dieses Phänomen. Doch die mit rund 600 Exponaten überladene Schau schafft es nur selten, einen konzentrierten Blick auf die historischen Entwicklungslinien und die politischen Entscheidungsfindungen zu richten. Statt dessen blendet sie die Zeit vor 1933 fast komplett aus und verwässert ihr Anliegen, in dem sie weitere Themenfelder bearbeitet - etwa die Bauten des Bundes oder künstlerische Auseinandersetzungen mit Schwarz-Rot-Gold. Den Ausstellungsmachern scheint vor lauter Freude über den ungezwungeneren Umgang der Deutschen zumindest mit ihrer Flagge das didaktische Ziel ihrer Arbeit abhanden gekommen zu sein. Die Schau endet in einer nichts sagenden Devotionaliensammlung in Schwarz-Rot-Gold. Aufschlussreicher ist da der Blick in das Begleitbuch und seine zahlreichen Aufsätze.

Die Schau läuft bis zum 13. April; Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14, Bonn; Eintritt frei, mo geschlossen; Infos unter 02289165-0, <%LINK auto="true" href="http://www.hdg.de" text="www.hdg.de" class="more"%>; Begleitbuch 19,90 Euro

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