29. Dezember 2008, 17:24 Uhr

Mixtur aus blutigem Ernst und Wild-West-Show

Hoppla, ein Bison! Er scheint die Besucher der Schau »Sitting Bull und seine Welt« im Bremer Überseemuseum umrennen zu wollen.
29. Dezember 2008, 17:24 Uhr
Der Urenkel des legendären Indianer-Häuptlings Sitting Bull, Ernie LaPointe bei der Ausstellungseröffnung am 12. Dezember (dpa-Foto)

Aber keine Angst: Das zottelige Viech ist ausgestopft. Auf diesen temperamentvollen Auftakt folgen rund 180 originale indianische Exponate, darunter persönliche Habseligkeiten Sitting Bulls, sowie etliche Reproduktionen historischer Fotografien. Während der Lebenszeit des Lakota-Häuptlings (1831-1890) wurden die in den Grasebenen im Herzen Nordamerikas beheimateten stolzen und freien Reiterkrieger von der amerikanischen Regierung eines Großteils ihres Landes beraubt und zu staatlichen Almosenempfängern degradiert.

Die wirtschaftliche Grundlage ihres Lebens war die im Reiterverband ausgeführte Jagd auf Bisons gewesen. Ein Teil der Jagdbeute tauschten sie bei weißen Händlern gegen Eisenwaren und Glasperlen ein. Und erst durch das so möglich gewordene Besticken der ledernen Frauenkleider, Männerhemden und Leggins mit bunten Perlen nahm ihre Tracht das uns bekannte Aussehen an. Die Schau zeigt schöne Beispiele der Kleidung, kombiniert mit Hörnerhaube und langer Federschleppe, Steinhammerkeule und Pfeifenkopftomahawk.

Erst als die Gebietsansprüche der Weißen gegen die Indianer immer größer wurden, ihnen durch die nahezu vollständige Ausrottung der Bisonherden die traditionelle Existenzgrundlage entzogen war und sie sich in den ihnen zugewiesenen Reservationen eines christlichen Lebenswandels in Not und Armut befleißigen sollten, kam es zu blutrünstigen Auseinandersetzungen. Eine der aus indianischer Sicht erfolgreichsten war die Schlacht am Little Bighorn. Am 25. Juni 1876 wollte das 7. Kavallerie-Regiment auf Befehl von Oberstleutnant George Armstrong Custer ein Indianerlager angreifen. Aber Custer und 200 seiner Soldaten wurden von den Indianern auf einen Hügel getrieben und niedergemacht.

Obwohl Sitting Bull in der Schlacht am Little Bighorn fehlte, weil er damit beschäftigt war, Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen, wurde er von den amerikanischen Zeitungen zum Hauptverantwortlichen der vernichtenden Niederlage erklärt. Er setzte sich ins kanadische Exil ab und wurde nach der Rückkehr für zwei Jahre im amerikanischen Fort Randall interniert. Dort erhielt der berühmte Häuptling Besuch von zahlreichen Schaulustigen. Zu ihnen gehörte der deutsche Zeichner, Schriftsteller und Journalist Rudolf Cronau, der für die Familienzeitschrift »Die Gartenlaube« über den »roten Napoleon« berichtete. Cronau will von seinem neuen indianischen Freund Mokassins, Leggins, einen Pfeifenkopftomahawk und andere persönliche Stücke erhalten haben, die nun in Bremen ausgestellt sind.

Im Jahre 1883 wurde Sitting Bull in die in South Dakota gelegene Reservation Standing Rock entlassen. Doch dort hielt es ihn nicht lange: 1885 nahm er das Angebot von William Frederik »Buffalo Bill« Cody an, in dessen Wild-West-Show aufzutreten. Der zum Medienstar und Schauindianer gewordene Oberhäuptling bekam von seinem neuen Chef stattliche 50 Dollar pro Woche. Zudem hatte sich der anfangs ausgebuhte, später umjubelte rote Napoleon vertraglich das Exklusivrecht zum Verkauf seiner Autogrammfotos zusichern lassen.

Nach einer Saison hatte Sitting Bull genug vom Show-Geschäft. Er zog sich auf die Reservation Standing Rock zurück. Vom tristen Leben dort erzählen die ausgestellten Frauenleggins aus alten Mehlsäcken und der Schlagstock des indianischen Polizei-Leutnants Bullhead.

Im Jahre 1890 brachte die »Geistertanzbewegung« Trubel in den Reservationsalltag. Diese Heilsbewegung verknüpfte christliche Anschauungen mit indianischer Religion. Sie verhieß, dass die toten Ahnen mittels Tänzen in die Welt zurückgeholt werden können und alle Indianer ein Leben ohne die zum Teufel gejagten Weißen in Frieden und Wohlstand führen werden.

Armee und Reservationsbehörden werteten den Geistertanz als gefährliche Protestbewegung. Daher sollte der für einen der Rädelsführer gehaltene Sitting Bull durch die von Indianern gebildete Reservationspolizei festgenommen werden. Es kommt zum Handgemenge, bei dem Sitting Bull durch einen Kopfschuss stirbt.

Ein Zirkus-Pferd, das Sitting Bull von Buffalo Bill zum Abschied von der Show-Truppe geschenkt bekommen hatte, begleitete die letzten Momente eines Indianerlebens, das eine eigentümliche Mischung aus blutigem Ernst und großer Show gewesen war, mit einem kuriosen Auftritt. Es wertete die Schießerei nämlich als Signal zum Aufführen seiner Kunststücke. Der an der Aktion beteiligte Indianerpolizist Thomas Stoneman hat die dramatischen Szenen der »Verhaftung von Sitting Bull« auf eine Wachsleinwand gezeichnet, die in Bremen ausgestellt ist. Veit-Mario Thiede

Bis 3. Mai im Überseemuseum Bremen, Bahnhofsplatz 13. Di bis fr 9-18 Uhr, sa, so 10-18 Uhr. 31. 12., 1. 1., Ostermontag geschlossen. Informationen: Tel.: 0421-16038190, <%LINK auto="true" href="http://www.uebersee-museum.de" text="www.uebersee-museum.de" class="more"%>. Der Katalog erscheint im Januar.

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