05. Dezember 2008, 17:18 Uhr

Humorvolles Spiel auf den Spuren fernöstlicher Kampfkunst

Zwei Produktionen im Rahmen des Berliner Festivals »Spielzeit Europa« sind ungewöhnlich, weil sie mit Darstellern arbeiten, die aus anderen Kontexten kommen
05. Dezember 2008, 17:18 Uhr

Der Komponist Heiner Goebbels entwickelte für das britische Männergesangsquartett Hilliard Ensemble das Szenische Konzert in drei Bildern »I went to the house but did not enter« (die Inszenierung war bereits im September in Frankfurt zu sehen); der jüngst mit dem hochdotierten Kairos-Preis dekorierte flämisch-marokkanische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui inszeniert chinesische Shaolin-Mönche: In »Sutra« tut der Choreograf gut daran, nicht zu verleugnen, dass es eine fremde Welt ist, in die er mit seinen europäischen Wurzeln gerät. Schon immer interessierte er sich für buddhistische Kampfkunst und Spiritualität, und so verbrachte er zunächst aus persönlichen Gründen Zeit bei chinesischen Kriegermönchen. Zurück aus dem Kloster, gewann er den Bildenden Künstler Andrew Gormley für eine Zusammenarbeit: dieser konzipierte Holz-Boxen, in einer Größe, dass ein Mann aufrecht darin stehen oder liegen kann.

18 Boxen, 18 Mönche, so simpel ist das Ausgangskonzept, und dann tritt ein elfjähriger Mönch hinzu. Er ist das neugierige Kind in ihrer Mitte, er spielt unbefangen mit Sidi Larbi Cherkoui, auf dessen Metallbox sitzend, er umspielt die älteren Mönche, und zeigt sein akrobatisches Talent. Es entwickelt sich ein Spiel mit den Boxen, die mal wie Stelen im Bühnenraum stehen, mal nach oben offen, mal nach unten geschlossen liegen. Sie können wie eine Kette zusammenrasseln, sie werden gedreht, gestapelt, geschoben. Stets bleibt die Metallbox des Europäers ein wenig außen vor.

Und so auch der Tänzer: während die Mönche kurze Kampfkunst-Sequenzen zeigen, steht Cherkoui meist zusehend daneben. Im Laufe der 5/4-stündigen Inszenierung wird das narrative Konzept offensichtlicher: Da sieht man eine Mauer aus Holzboxen, vor der Cherkoui abgewiesen bleibt. Dann stehen die Boxen lockerer im Raum, bilden ein Tor. Cherkoui selbst tanzt meist in der Box, bleibt im engen Gehäuse gefangen, zeigt geschmeidige Bewegungen, die denen der Kampfkunst entgegenstehen. Doch die Kommunikation mit den Mönchen bleibt trotz seiner Vereinzelung bestehen: es sind minimale Blicke, kleine Gesten, die er übernimmt, kurz ist er Teil des Ensembles.

Die kraftvollen Tanzkünste der Mönche werden nicht als Show dargeboten, sondern integriert in die Entdeckungsreise des Choreografen. Wie der Bühnenraum sich füllt und leert, ist leicht und immer wieder neu. Und im Hintergrund, hinter einer Gazewand, sieht man, skizzenhaft beleuchtet, das polnische Musik-Quintett. Minimalelemente, Soli von Piano und Streichern, rein percussive Flächen - dem jungen polnischen Komponisten Szymon Brozóska kam es darauf an, den Mönchen eine Klangfläche zu schaffen, in der sie sich geschmeidig oder martialisch ausdrücken können.

Eine ehrliche Arbeit also, die des Choreografen Suche in fernöstlichen Meditationsformen bebildert, und dabei humorvoll mit dem Material spielt. Festivalleiterin Brigitte Fürle hat eine Deutschlandpremiere nach Berlin gebracht, die östliche Tradition integriert in eine persönliche Choreografie.

Die nächste Inszenierung im Rahmen der Spielzeit Europa ist »Verbrechen und Strafe« von Dostojewski, in der Regie von Andrea Breth (11.-14.12.08) Christine Nagel

Schlagworte in diesem Artikel

  • Andrea Breth
  • Choreographinnen und Choreografen
  • Heiner Goebbels
  • Mönche
  • Schauspieler
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos