17. November 2008, 16:52 Uhr

»Willkommen und Abschied« in bekannten und unbekannten Werken

Mit ausgewähltem, höchst anspruchsvollem Programm unter dem Titel »Willkommen und Abschied« hatte der von Martin Lutz und dem lyrischen Tenor Scot Weir (lange Jahre am Hessischen Staatstheater Wiesbaden engagiert) 1982 gegründete, im Zweijahreswechsel mit den Bachwochen stattfindende »Wiesbadener Musikherbst« wieder zu einem Zyklus mit erlesenen Werken eingeladen:
17. November 2008, 16:52 Uhr

Perlen der Literatur, die der Musikliebhaber sonst nicht zu hören bekommt!

Die Reihe begann mit einem vergessenen Meisterwerk: Luigi Cherubinis 1816 entstandenem »Requiem«, das lange Zeit als das bedeutendste überhaupt galt. Schumann und Beethoven - bei dessen Trauerfeier dieses Requiem erklang - verehrten Cherubini. Das von Geschlossenheit und Trauer, von Schwermut und Todessehnsucht geprägte, tief verinnerlichte Requiem mit dem gewaltigen »Dies irae« ist ein großartiges Werk, in dem der Komponist auf Solostimmen jedoch völlig verzichtet und als »Gesangsstar« nur den vierstimmigen gemischten Chor in stetem Wechsel von dramatischen und lyrischen Passagen einsetzt. Es entstand für eine Feier zum Gedenken an die Ermordung König Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes, 1793: Ein Auftragswerk, mit dem Ludwig XVIII. den 1816 zum »Surintendant de la musique du Roi« ernannten Komponisten betraute. Am Jahrestag der Hinrichtung wurde es 1817 in St. Denis, der Grablege der Königsfamilie, uraufgeführt.

Das Publikum in der bis zum letzten Platz gefüllten Wiesbadener Marktkirche lauschte andachtsvoll der Wiederentdeckung und Erstvorstellung und dankte der unter Martin Lutz subtil wie ausdrucksstark singenden Schiersteiner Kantorei und Solisten des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters zusammensetzenden Bach-Ensemble mit viertelstündigem Beifall!

Mit Gustav Leonhardt, dem Doyen der Cembalisten und Professor an der Academia Musicale Chigiana in Siena, begegnete den Besuchern des »Musikherbstes« einer der führenden Organisten unserer Zeit. Den Maestro (80) in fast ungebrochener Frische und Konzentration in der Christophoruskirche erleben zu können, wurde für die Liebhaber des sensiblen Tasten-Instrumentes zum Geschenk besonderer Art - er interpretierte Werke von William Byrd, Orlando Gibbons und brillierte mit Johann Jakob Frobergers »Tombeau sur la Mort de Monsieur Blanchroch«.

Goethe und den Komponisten Schubert, Schumann, Beethoven, Fanny und Felix Mendelssohn-Bartholdy, die seine Gedichte vertonten, war ein Konzert im Museumssaal gewidmet bei dem die von Thorsten Larbig am Flügel begleitete Sopranistin Heidrun Kordes, der Tenor Bernhard Berchtold und der Rezitator Hubertus Petroll die Hörer mit exzellenten Darbietungen u. a. von »Über allen Gipfeln ist Ruh« und »Erlkönig« erfreuten.

»Il pianto delle donne« war ein weiterer Abend betitelt, in dem das Ensemble Parnassi musici Freiburg und die junge norwegische Sopranistin Siri Karoline Thornhill mit feiner Differenzierung und starkem Ausdruck die Klagen verlassener Frauen (Lucretia, Armida, Dido) und ihr Leiden unter dem einsamen Leben ohne den Geliebten überzeugend zum Ausdruck brachten.

Einen heiteren Höhepunkt stellte das festliche Konzert dar, das im prächtigen Casino-Saal über die Bühne ging: Das Bach-Ensemble und die Sopranistin Bettina Ranch beglückten mit Joseph Matthias Spergers unbekannter, zweisätziger Sinfonie »Ankunft« und nach der Pause mit Haydns musikalisch wie auch darstellerisch (!) exzellent dargebotener »Abschiedssinfonie«: Dem Werk, mit dem der Komponist auf Schloss Estherhaza dem Fürsten originell vorführte, dass es man heim zu seinen Familen wolle: Haydn ließ einen nach dem anderen das Spiel beenden, sein Instrument packen und in aller Ruhe das Podium verlassen - zuletzt erklang nur noch Katzenmusik! Der musikbegeisterte Mäzen - der über diese Meuterei vielleicht sogar amüsiert war - begriff und handelte schnell: »Ich habe verstanden, Haydn! Morgen packen wir ein…«

Der Darbietung vorangegangen war das heute nicht mehr bekannte, von dem Schweriner Hofkapellmeister Sperger verfasste reizvolle »Gegenstück«, die »Ankunfts-Sinfonie«, in der zunächst nur zwei Geiger auftreten und zaghaft schon mal mit dem Andante beginnen, ehe nach und nach auch die anderen Orchestermusiker auf die Bühne kommen, sich einklinken und das dünne Spiel nun gemeinsam zum musikalische Kunstwerk werden lassen.

Der Effekt stellte sich auch heute ein: Das Publikum war begeistert und feierte beide Werke mit lang anhaltendem, starkem Applaus.

Britta Steiner- Rinneberg.

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