Regional

Veristische Oper als abgezirkeltes Spiel

»Dramma per ambiente storico« nannte der Librettist Luigi Illica das Werk, bei dem er allerdings Einzelheiten frei erfunden hat - deshalb auch »Musikalisches Drama mit geschichtlichem Hintergrund«.
24. Oktober 2008, 16:58 Uhr
Hier die Alternativbesetzungen: Armin Kolarczyk (hinten, als Charles Gérard), Lance Ryan (André Chénier, vorne) mit Barbara Dobr
Hier die Alternativbesetzungen: Armin Kolarczyk (hinten, als Charles Gérard), Lance Ryan (André Chénier, vorne) mit Barbara Dobrzanska (Madeleine de Coigny) Foto: J. Krause-Burberg/Bad. Staatstheater Karlsruhe

Im Großen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe wurde Umberto Giordanos nur noch selten gespielter Vierakter »André Chénier« vorgestellt. Der Titelheld ist eine historische Gestalt. André Marie de Chénier, ein Vorläufer der Romantiker, 1762 in Konstantinopel geboren, 1794, noch kurz vor dem Sturz Robespierres, vom Pariser Revolutionstribunal zum Tod verurteilt und hingerichtet, war einerseits freiheitlich gesinnt und erkannte, das das Adelsregime überlebt hat. Andererseits unterhielt er Beziehungen zu adeligen Damen und widersetzte sich nach dem Ausbruch der Französischen Revolution bald den Umsturzbestrebungen der Jakobiner.

In der Oper, deren vier Akte zwischen 1789 und 1794 spielen, werden die Verkettung des politischen Schicksals des Titelhelden mit seiner Liebe zu der ihm in der Gesinnung verwandten Madeleine de Coigny gezeigt. Musikalisch enthält das Werk eine Reihe zündender, dramatisch pointierter Melodien, daneben lyrisch feinsinnig gezeichnete Passagen.

Anstatt bei dieser Vorlage die Chance einer musikdramatisch stimmigen Aufführung einer Grand-Opéra mit allem Drum und Dran zu nutzen, skelettierte der Regisseur Alexander Schulin die Geschichte und stellte ein im Grund auf das Dreieck André Chénier, Madeleine de Coigny und Charles Gérard reduziertes, abgezirkeltes Spiel vor. Das dazu, aber nicht zu der historischen Zeit passende Umfeld lieferte ihm der Bühnenbildner Christoph Sehl: Eine Guckkastenbühne mit einem sich drehenden kleineren Guckkasten und verschiebbaren Wänden, die größere und kleinere Bildausschnitte sowie unterschiedliche Perspektiven ermöglichten. In diesem Milieu zeigten aber nur wenige Solisten und auch nicht der von Carl Robert Helg einstudierte Chor ein musikdramatisches Spiel mit historischem Hintergrund, obwohl Ursina Zürcher mit ihren Kostümen aus der Zeit der Französischen Revolution die optischen Voraussetzungen dafür geschaffen hatte. Vielmehr erschöpfte sich das Gebotene in Sinnlosem, wie dem Herumtragen von Stühlen und einem Sofa, Kitschigem, wie dem Auftreten von Schäferinnen und Schäfern, Symbolismus, wie dem Spaziergang Gérards, als dessen traumatische Erinnerung das Ganze vor dem Einsatz des Orchesters erzählt wird.

Von einer veristischen Rollengestaltung konnte nur in seltenen Fällen die Rede sein. So wurde eigentlich nur die musikalische Seite den Anforderungen gerecht. Zum einen standen einige hervorragende Sänger auf der Bühne. Christina Niessen als Madeleine de Coigny gefiel mit ihrem glockenreinen, ausdrucksvollen Sopran ebenso wie mit ihrem glaubhaften Spiel. Mit einem biegsam-expressiven Bariton wartete Walter Donati als Charles Gérard auf. Dagegen sang Keith Ikaia-Purdy die Titelpartie mit einem etwas unausgeglichenen, zuweilen gestemmten Heldentenor. Zum anderen sorgte Jochem Hochstenbach mit seinem nuancenreichen Dirigat für sinnliche Wirkung und dramatische Spannung im musikalischen Bereich, die der Inszenierung weitgehend fehlten.

Dieter Schnabel

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/art68,24666

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