10. Oktober 2008, 17:14 Uhr

»Ein Leuchtturm zeitgenössischer Kultur in Deutschland«

Mit Neuer Musik lässt sich kein Staat machen - und ein gutes Geschäft schon gar nicht. Zu sehr verweigern sich diese Werke der dafür nötigen leichten Fasslichkeit und Eingängigkeit. Das kompromisslose »l'art pour l'art«-Prinzip fordert das Publikum - es muss auf die Musik zugehen und sich mit ihr auseinandersetzen. Vielleicht ist die Neue Musik damit eine der letzten Bastionen gegen den schrankenlosen Kommerz, der inzwischen auch die Klassik weitgehend erfasst hat. Doch auch innerhalb dieses puren Musikreservats gibt es Erfolgsgeschichten - das Ensemble Modern (EM) in Frankfurt hat eine geschrieben.
10. Oktober 2008, 17:14 Uhr
Beeindruckendes Instrumentarium: Blick ins Studio 2 des Hessischen Rundfunks während einer Aufnahmepause für »Polymerae« von Elliot Sharp (Foto: bf)

Aus der Neuen Musikszene ist diese hochprofessionelle Formation schon lange nicht mehr wegzudenken - inzwischen ein Mit-Garant für das Fortbestehen und die Weiterentwicklung der zeitgenössischen Musik. Seine Entstehung verdankt das Ensemble Modern einer studentischen Initiative. 1980 wurde es von Mitgliedern des BundesstudentInnenorchesters gegründet. Seit 1985 hat es seinen Sitz in Frankfurt und bestimmt das Musikleben der Mainmetropole nachhaltig. Während seines knapp dreißigjährigen Bestehens hat sich das Ensemble durch mehrere »Ableger-Organisationen« stetig vergrößert. Eine davon ist das Ensemble Modern Orchestra (EMO), das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert und das immer dann zum Zuge kommt, wenn große Orchesterbesetzungen gefragt sind. Eine weitere Zweigorganisation ist die Ensemble Modern Akademie, die seit 2003 Aus- und Weiterbildungsprogramme anbietet und in workshops Wissen über Neue Musik vermittelt. Seit 2006 wird zusammen mit der Frankfurter Musikhochschule ein Stipendienprogramm in Form eines Masterstudienganges »Neue Musik« durchgeführt. Außerdem bieten internationale Kompositionsseminare Einstiegsmöglichkeiten für junge Komponistinnen und Komponisten. Zur Zeit gehören dem Ensemble Modern 19 Solistinnen und Solisten aus acht Ländern an. Neben Deutschland und der Schweiz sind dies Argentinien, Polen, Bulgarien, Indien, Israel und Japan.

Mit Schönberg fing alles an. Am 30. Oktober 1980 gaben die jungen Musikerinnen und Musiker im Sendesaal des Deutschlandfunk in Köln ihr erstes Konzert. Neben der 1. Kammersinfonie op. 9 von Arnold Schönberg standen Werke von Anton Webern, Dieter Schnebel, Mathias Spahlinger und Friedrich Goldmann auf dem Programm. Es folgten Werkaufführungen von allen großen Komponisten der Neuen Musik wie John Cage, Olivier Messiaen, Karlheinz Stockhausen, Maurizio Kagel und Luigi Nono. Zahlreiche Komponisten wie Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann oder Hans Werner Henze schrieben Werke für das EM. Oft entsteht eine lange Zusammenarbeit zwischen der Instrumentalgruppe und einem Komponisten, so dass sich ein gegenseitiges Durchdringen von Komposition und Interpretation ergibt. Die Liste der Uraufführungen ist lang - ebenso die der jungen Komponistinnen und Komponisten, denen das Ensemble zum Durchbruch verhalf. Treue Weggefährten des Ensemble Modern waren bzw. sind die Komponisten Frank Zappa, Steve Reich und Heiner Goebbels. Wegen seiner großen musikalischen Bandbreite, die von Kammer- und Orchestermusik über das Musiktheater bis hin zu Tanz- und Videoprojekten reicht, ist die Truppe au vielen internationalen Festivals vertreten.

Weltweit einzigartig ist die streng demokratische Organisationsstruktur. Es gibt keinen künstlerischen Leiter. Alle Entscheidungen werden von den Mitgliedern gemeinsam getroffen -sie teilen sich auch das finanzielle Risiko. Das Erfolgskonzept der Formation sei, so der Hauptgeschäftsführer Roland Diry in einem Interview in der Neuen Zeitschrift für Musik (März 2008), »schlüsselfertige Häuser« zu liefern. »Der Veranstalter öffnet seine Tür, das Ensemble fährt mit dem kompletten Projekt hinein, spielt das Konzert und fährt wieder heraus.«

Mit durchschnittlich 100 Konzerten im Jahr, darunter ca. 70 Neuerarbeitungen mit etwa 20 Uraufführungen ist die Arbeitsbelastung jedes und jeder Einzelnen hoch und der Verdienst vergleichsweise gering. Eine gute Portion Idealismus gehört für jedes EM-Mitglied dazu. Der Saisonstart in Frankfurt im September bescherte dem Ensemble gleich mehrere verschiedene Projekte. »Auftakt« hieß es am 22. und 24. September in der Alten Oper mit dem Komponistenporträt von Maurizio Kagel. Auf dem Programm standen Kagels »Morceau de concours« und »Exotica« sowie seine Kammersinfonie. Beide Konzerte sollte der Komponist selbst dirigieren, doch sein plötzlicher Tod am 20. September im Alter von 76 Jahren machte diese Planung zunichte. Zwischen den beiden Auftakt-Terminen spielte das Ensemble in der Oper Frankfurt das erste von vier Konzerten seiner altbekannten Werkstatt-Reihe »Happy New Ears«. Am 23. September war Stockhausens »Mantra« zu hören.

Die erfolgreiche Konzertreihe begann 1985 in der Alten Oper. Seit 1993 ist sie als Abo-Serie an der Oper Frankfurt beheimatet. Zu deren feierlichen Auftakt erklang Schönbergs Kammersinfonie op. 9, jenes symbolträchtige, in der Besetzung genau auf das Ensemble Modern ugeschnittene Werk, das schon dessen Debüt 1980 begleitet hatte. Am 29. September bestritt das Ensemble Modern die erste Premiere im Bockenheimer Depot. Jens Joneleits brandneues Musiktheaterwerk »Piero - Ende der Nacht« wurde am 30. April auf der Münchner Biennale uraufgeführt - natürlich mit dem EM.

Vor diesem prallen Frankfurter Saisonstart gab es Mitte September ein Stockhausen-Konzert an einem besonderen Ort: der Oskar-Schindler-Fabrik in Krakau. Ab Oktober wird ein neues Großprojekt vorgestellt: »into ... kompositorische Annäherungen an Istanbul, Dubai, Johannesburg und das Pearl River Delta«. 16 Komponisten haben ihre Eindrücke, die sie einen Monat lang in »ihrer« Stadt gesammelt haben, in 16 »Klangreflexionen« umgesetzt. Dabei bereisten je vier eine Stadt. So war unter anderem Beat Furrer in Istanbul, Jörg Widmann in Dubai, Lucia Ronchetti als einzige Frau des Projekts in Johannesburg und Heiner Goebbels in Hongkong und Macao.

Für das Ensemble Modern bedeutet die Präsentation der Ergebnisse wie so oft: Koffer packen. Denn außer in Frankfurt und Berlin gibt es Konzerte in allen vier porträtierten Städten. Mitveranstalter sind das Siemens art program und das Goethe-Institut. Seit 2003 wird das Ensemble Modern von der Kulturstiftung des Bundes als »Leuchtturm zeitgenössischer Kultur in Deutschland« gefördert. Auch das Land Hessen und die Stadt Frankfurt unterstützen seine Arbeit. Hinzu kommen Sponsoren aus der Wirtschaft - meist für einzelne Projekte. Die aventis foundation hat einen zusätzlichen Sitz für das Ensemble gestiftet, so dass es sich von 18 auf 19 Mitglieder vergrößern konnte. Seit kurzem besitzt das Ensemble Modern ein eigenes CD-Label: EMM (»Ensemble Modern Medien«). Neu ist auch eine verstärkte optische Präsenz in Frankfurt: Tag für Tag fährt die U-Bahn zwischen Südbahnhof und Heddernheim das Ensemble-Logo spazieren.

Anita Kolbus

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