01. Oktober 2008, 16:52 Uhr

Die Figuren kreisen um ihren eigenen desaströsen Seelenzustand

Dea Lohers im Januar 2008 im Thalia-Theater durch Andreas Kriegenburg uraufgeführtes und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnetes Schauspiel »Das letzte Feuer« steht nun im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters auf der Bühne und zur Diskussion.
01. Oktober 2008, 16:52 Uhr

Das in Hamburg als Riesenerfolg gefeierte, ungewöhnliche Stück der zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautorinnen zählenden Dramatikerin beschreibt in schnell wechselnden Bildern und Konstellationen eine lang zurückliegende, unbewältigte Geschichte, die acht Personen aus dem Gleis brachte, in eine Art Ausnahmezustand versetzte und traumatisierte.

»Das letzte Feuer«, von dem nur noch die Asche blieb, ist ein Stück der Erinnerung: Edgar, ein kleiner Junge, wird überfahren und bleibt tot auf der Straße liegen. Nicht nur seine Eltern und die ihn vergötternde, verstörte Großmutter, die Fahrerin des Unglückswagens und Rabe, der einzige Zeuge des Geschehens, nehmen starken inneren Anteil an dem, was hier geschah, sondern auch vier weitere Personen, die sich irgendwie mitverantwortlich fühlen. Im aussichtslosen Bemühen, Licht ins Dunkel zu bringen, die Wahrheit zu erfahren und mit dem Erlebten fertig zu werden, kommt es zu Verstörungen, die zu Auseinandersetzungen mit folgenschweren Handlungen führen. Auf der verzweifelten Suche nach verlorenem Glück gehen sie neue Beziehungen ein, erleben neue Enttäuschungen und kommen im Dickicht ihrer widerstreitenden unklaren Empfindungen doch nicht voran: Der Tod des Kindes wird zunehmend überdeckt vom ausweglosen Kreisen der Figuren um ihren desaströsen eigenen Seelenzustand.

Für das Sichtbarmachen dieses versuchsweisen Fertigwerdens mit dem Erlebten und Erlittenen wählte die Autorin eine zwischen Erzählung und Monolog pendelnde Theaterform, in der sie alle acht Personen wechselweise zur Wort kommen lässt.

In seiner Wiesbadener Deutung lässt Tilman Gersch die Schauspieler am Anfang einzeln ihre Figuren vorstellen und zum Abschluss gemeinsam berichten, was im Verlauf der Verarbeitung des traumatischen Geschehens aus ihnen wurde. Susanne (Lissa Schwerm) und Ludwig (Jörg Zirnstein), die Eltern des Jungen, geraten über ihrer unbewältigten Trauerarbeit völlig auseinander und gehen bald getrennte Wege; die alles durcheinander bringende, als Nervenbelastung empfundene Großmutter (Zygmunt Apostol) wird aus Ratlosigkeit und Verzweiflung in der Badewanne ertränkt; Edena (Katalyn Bohn), die ehrgeizige Polizistin und durchgedrehte Unglücksfahrerin und die mit ihrem Schicksal hadernde brustamputierte Ex-Lehrerin Karoline (Evelyn M. Faber) versprechen sich von einem lesbischen Verhältnis »Erlösung« und einen »neuen Anfang«. Alle drei allein gelassenen Frauen sind aus schwer nachvollziehbaren Gründen auf Rabe, den vom Auslandseinsatz zurückgekehrten, physisch und psychisch zerstörten entlassenen Soldaten fixiert, der sich in der Welt nicht mehr zurechtfindet, dem über das erlebte Grauenhafte zu reden nicht möglich ist, weil keiner es begreift. Verfolgt von fest im Gedächtnis verankerten, quälenden Bildern und Vorstellungen, die nie mehr loslassen, rennen und jagen sie durch den Tag und kommen doch keinen Schritt weiter. Nichts geht gut aus…

Dea Lohers höchst kompliziert gebautes Stück (für das Ariane Salzbrunn Bühneneinrichtung und Kostüme schuf) nicht nur als bloße Bilderfolge, sondern mit erkennbarer Beziehung der Einzelnen zum Unfall als Ausgangspunkt, überzeugend auf die Bretter zu bringen, ist verdammt schwer. In Gerschs Einstudierung sind alle acht Protagonisten mit voller Hingabe bei der Sache und setzen - zuweilen allerdings überziehend - alles daran, die nacherzählte Geschichte und ihre Auswirkungen auch fürs Publikum nacherlebbar zu gestalten. Unter den schon vor dem tragischen Tod des Kindes innerlich schwer Geschädigten und Orientierungslosen verdienen die zu Recht mit starkem Beifall bedachten Leistungen Torben Kesslers als Rabe und Zygmunt Apostols in der von subtiler Beobachtung zeugenden Darstellung der dementen Großmutter als die eindrucksstärksten besonderer Hervorhebung.

Britta Steiner-Rinneberg

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