12. September 2008, 17:10 Uhr

Ein hochgradig geschichtsträchtiges Areal

Es gibt nur wenige Orte in Deutschland, die derart geschichtsträchtig sind wie das IG Farben-Haus in Frankfurt. Zur Erbauungszeit 1928-1930 war es das europaweit größte Verwaltungsgebäude. Architekt war Hans Poelzig, ein berühmter Vertreter des Neuen Bauens, Auftraggeber war die Interessengemeinschaft (IG) Farben, ein freier Zusammenschluss der Chemieindustrie, die im Nationalsozialismus staatswichtige Bedeutung erlangen sollte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden hier diverse Treffen statt, bei denen wichtige Entscheidungen für das weitere Schicksal Deutschlands fielen.
12. September 2008, 17:10 Uhr
Fassade des IG-Farben-Hauses zur Gartenseite mit Bronzeskulptur von Fritz Klimsch
1952-1995 war es Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht, doch die Umbenennung in Abrams-Complex hat sich im deutschen Sprachgebrauch nie durchgesetzt. (Creighton Abrams war der letzte Stabschef der US-Truppen in Vietnam.) Nach dem Abzug der US-Army gingen Gebäude und Gelände an den Bund zurück, wurden 1996 vom Land Hessen erworben, um hier Teile der Johann Wolfgang Goethe-Universität unterzubringen. Die Bezeichnung IG-Farben-Haus behielt man laut Senatsbeschluss bei, das gesamte Areal heißt Campus Westend. Das gut 32 ha große Gelände wird derzeit noch weiter bebaut, 2014 sollen die letzten Institute eingezogen sein, denn dann feiert die Frankfurter Universität ihr 100-jähriges Bestehen.

Heute ist der Campus sogar am Wochenende belebt von Studierenden, die das Café in der großzügigen Rotunde besuchen und die gepflegte Grünanlage mitsamt Teich genießen. Schon bald nach dem Abzug der Amerikaner wollten die Menschen das Gelände und das Gebäude besichtigen, die Jahrzehnte für die deutsche Öffentlichkeit verschlossen waren. Die Universität beauftragte Dr. Astrid Jacobs (ehemals Winter) mit der Organisation des Besucherprogramms, die ersten Führungen fanden 2001 statt.

Im Rahmen des Jubiläums 100 Jahre Deutscher Werkbund und parallel zur Hans Poelzig-Ausstellung im Architekturmuseum (bis 18. Mai) organisierte Petra Schwerdtner (kunstkontakt.de) als Geschäftsführerin der DWB-Landesgruppe Hessen eine Führung. Sie führt in das Leben und Werk Hans Poelzigs ein, verweist während der Führung immer wieder auf kunsthistorische Details, insbesondere auf die Beteiligung von Poelzigs Ehefrau, der Bildhauerin Marlene Moeschke, an der Innenausstattung.

Bei der Führung hat Gerd Schmiegelow die »Schlüsselgewalt«. Der einstige Banker verdankt seine Existenz dem IG-Farben-Haus, wie er sagt. Seine Eltern haben sich hier als Zivilangestellte der Amerikaner kennengelernt. In seiner Kindheit konnte er noch ungehindert im Park spielen, andere erinnern sich daran, dass sie kamen, um aus Spaß Paternoster zu fahren. Das entspannte Verhältnis zu den Besatzern wandelte sich mit dem ersten Attentat im Mai 1972 durch die RAF, 1976 und 1982 folgten weitere. Der freie Zugang war vorbei, doch erst 1985 wurde das gesamte Gelände hermetisch abgeriegelt.

Die Amerikaner sind wegen der historischen Bedeutung des Gebäudes durchaus behutsam mit der Bausubstanz umgegangen, dennoch haben sie es ihren Bedürfnissen angepasst. So wurde die Teakholzverkleidung im kleinen Sitzungssaal dem Zeitgeschmack entsprechend mit DC-Fix-Folie beklebt und der ebenso kostbar gestaltete, große Sitzungssaal in eine Sporthalle umfunktioniert. Ersteres konnte problemlos rückgängig gemacht werden, der zweite Eingriff wurde umgewandelt in die Fachbereichsbibliothek der Geisteswissenschaften, die mit einer Galerie versehen über Ehrfurcht gebietende zwei Stockwerke verfügt. Beide Säle sind während der Führung zu besichtigen.

Dazwischen liegt das riesige Foyer, das genau wie die Außenfassade mit Kalksandsteinplatten, ausgestattet ist. Um den Eindruck der langen, gebogenen Gänge zu erhalten wurden Brandschutztüren unauffällig in die Wände eingelassen. An den Wänden hängen über alle fünf Geschosse die Glastafeln mit der Dauerausstellung zur Geschichte des Gebäudes, dazu gibt es einen Katalog mit vertiefenden Informationen. Die ursprünglichen Großraumbüros in sämtlichen Querbauten wurden entkernt und durch einen Mittelgang mit seitlichen Büroräumen ersetzt. Dies war problemlos möglich, da es sich bei dem Poelzig-Bau um einen Stahl-Skelett-Bau handelt, ein in den 20ern neu entwickeltes Verfahren.

Auch die rückwärtige Grünanlage, die bis zum höher gelegenen Casino reicht, wurde nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten wiederhergestellt. Sogar die Bronzeskulptur, ein weiblicher Akt von Fritz Klimsch, fand zurück an ihren Platz oberhalb des Wasserbeckens. Eine Offiziersgattin soll dafür gesorgt haben, dass die unziemlich Nackte aus den Augen der jungen Soldaten verschwand. Im Casino ist jetzt die Mensa untergebracht, zudem eine schicke Lounge-Bar und diverse Seminarräume. Im oberen Stock hängen neu angekaufte Gemälde von Hans Poelzig, der sich selbst als künstlerisches Multitalent bezeichnete; schließlich hat er auch Bühnenbilder fürs Theater und Filmkulissen geschaffen. In einem Nebenraum wurde zudem das Wandfresko des Beckmann-Schülers Georg Heck freigelegt.

Von der Terrasse hat man einen prächtigen Ausblick auf die Frankfurter Skyline, aktuelle Baumaßnahmen sind durch den alten Baumbestand fast völlig verdeckt. Wahrhaft ein schöner Ort zum Studieren! Das weckt noch im Nachhinein Neidgefühle bei denjenigen, die im maroden Nachkriegsbau in der Nähe der Bockenheimer Warte studiert haben.

Der Deutsche Werkbund wurde 1907 von Künstlern und Firmen gegründet mit dem Ziel, die Qualität handwerklicher Kultur in die damals beginnende Massenproduktion einzubringen. Die Bevölkerung sollte zur »guten Form«« erzogen werden, das Fach an Schulen und Universitäten gelehrt werden. Das heute selbstverständliche »Corporate Design« wurde damals erfunden, Firmen gaben ihren Produkten eine einheitliche Gestaltung. Daraus entstand auch das berühmte »Bauhaus«, die Kunsthochschule in Weimar-Dessau-Berlin. Klare Formen standen im Mittelpunkt des Designs, bekannt geworden in den 20er Jahren etwa in der Architektur des »Neuen Bauens«, das vor allem Industriegebäude und Neubausiedlungen in den Städten prägte (in Frankfurt ab 1925 unter dem Stadtbaurat Ernst May). Sein Kollege Hans Poelzig (1869-1936) war in Berlin bereits seit 1920 in dieser Funktion tätig. Zu Poelzigs zahlreichen Ehrenämtern gehörte in dieser Zeit auch die Leitung des Werkbunds. Seine bauliche Leidenschaft galt den Großbauten, er wird auch als »Regisseur der Massen« bezeichnet: zeitgleich zum IG-Farben-Haus in Frankfurt wurde das Haus des Rundfunks in Berlin errichtet. Den Nationalsozialisten war er suspekt, er wurde entlassen und aller Ämter beraubt. Der DWB wurde in der Nachkriegszeit wieder begründet, er existiert bis heute (www.deutscher-werkbund.de).

Das einst Friedberger Feld genannte Gebiet gehört zu den Ausläufern des Wetterauer Lößbodens. Seit Ende des 17. Jahrhunderts befinden sich hier Höfe und Sommerhäuser der Frankfurter Patrizier; von der Innenstadt in einer halben Stunde zu Fuß erreichbar, wie J. W. Goethe schreibt. »Grüne Burg« nennt es Bankier Heinrich von Bethmann-Metzler, der 1789 einen Meierhof erwirbt und zum Wohnsitz ausbaut. Zur Vergrößerung des Gartens kauft er von der Familie Goethe zwei Obstgärten; auf einem davon befindet sich später das IG-Farben-Areal. Hier führt die Bethmann-Tochter Sophie Schwarzkopf einen literarischen Salon, in dem neben Goethe nebst Mutter, auch Sophie von LaRoche, ihre Tochter Bettine und deren Freundin Karoline von Günderode zu Gast sind. Der nächste Besitzer ist ab 1837 Bankier Amschel Meyer von Rothschild, er lässt dort das »Grüneburg-Schlösschen« errichten, das im Familienbesitz bleibt, bis die Nationalsozialisten den Verkauf erzwingen. Auch lassen die Rothschilds auf ihrem erweiterten Besitz von Heinrich Siesmayer einen Landschaftspark anlegen.

Etwas nordöstlich des heutigen IG-Farben-Hauses liegt der »Affenstein«; der Name im Frankfurter Idiom entstand aus »Ave Maria Stein«. Hier wird 1864 die »Irrenanstalt« unter dem ärztlichen Leiter Heinrich Hoffmann eröffnet; derjenige der mit seinen »Struwwelpeter«-Geschichten unsterblich wird. In der Anstalt beginnt der Psychiater Alois Alzheimer 1901 mit der Erforschung der Krankheit, die zum Verlust von Gedächtnis, Sprache und Orientierung führt. Das Gebäude wird als Städtische Universitätsklinik in die 1914 gegründete Stiftungsuniversität eingegliedert, als veraltet Ende der 20er Jahre an die IG Farben verkauft und abgerissen.

Die Herstellung von Farben mit synthetischen Mitteln gehört zu den wichtigen Industriezweigen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ausgangsmaterial ist das im Steinkohlenteer entdeckte Anilin, 1856 von dem Engländer Perkin erstmals als »Mauvein« entwickelt. In der Folge entstehen in Europa zahlreiche Anilinfabriken: die Palette der Farbtöne wird erweitert, die Produktion verbilligt, das Produktangebot erweitert um Dünger, Pflanzenschutzmittel, Kosmetika, Arzneien.

Die 1863 in Wuppertal-Barmen gegründete Bayer-OHG bringt 1899 erstmals das heute noch bekannte Aspirin auf den Markt. Die Farbwerke Hoechst stellen das 1910 von Paul Ehrlich entwickelte Mittel Salvarsan zur Bekämpfung der Syphilis her. Andere Produkte sind Düngemittel und Sprengstoffe, etwa durch die 1865 gegründete BASF (Badische Anilin- & Soda-Fabrik) in Ludwigshafen, oder die Herstellung von Produkten für die Film- und Fotobranche, wie von der 1873 entstandenen Agfa (Actiengesellschaft für Anilin-Fabrikation) aus Berlin, die seit 1909 bei Dessau eine Fabrik betreibt.

Durch den erbitterten Konkurrenzkampf in Europa kommt es 1904 erstmals zu einer Konzentration in der deutschen Chemieindustrie: BASF, Bayer und Agfa schließen sich zusammen, ebenso die Frankfurter Firmen Hoechst und Casella. Alle profitieren im Ersten Weltkrieg, vor allem Bayer und BASF durch die Herstellung von tödlichen Giftgasen aus den Abfällen der Farbenindustrie, die von der deutschen Heeresleitung völkerrechtswidrig eingesetzt werden. Zehntausende von Soldaten sterben qualvoll daran. Mitten im Krieg schließen sich die beiden Verbände mit weiteren Firmen zu einer Interessengemeinschaft zusammen, bei der die Eigenständigkeit der Partner gewahrt bleibt. 1925 geht daraus die IG-Farben hervor, zwei Jahre später beginnt die Projektierung des Verwaltungsbaus in Frankfurt.

1937/38 erfolgt die »Arisierung« der Belegschaft, jüdische Mitglieder müssen ausscheiden; Arthur Weinberg stirbt 1943 im KZ Theresienstadt. IG-Manager Carl Krauch wird zum Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung unter Göring, Firmen in besetzten Staaten werden übernommen. Das Giftgas Zyklon B wird durch die SS zur Ermordung von Gefangenen im KZ Auschwitz eingesetzt, Fleckfieber-Experimente im KZ Buchenwald durch die Marburger Behring-Werke durchgeführt. Schon vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands residiert General Dwight D. Eisenhower als Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone im IG-Farben-Haus. Dagmar Klein

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