17. August 2008, 18:56 Uhr

Künstlerischer Anspruch Vorrang vor Superlativen

Es hat sich längst als drittes großes Festival neben Salzburg und Bayreuth etabliert: das Lucerne Festival, das in diesem Sommer einen Schwerpunkt auf Tanzmusik setzt. Die Besonderheit dieses Festivals ist ein Klangkörper, in dem Weltstars gemeinsam mit Solisten exklusiver Spitzenorchester zusammenspielen. Vor fünf Jahren hat Claudio Abbado dieses luxuriöse Lucerne Festival Orchester gegründet.
17. August 2008, 18:56 Uhr

Aber auch sonst herrscht in Luzern ein anderes Klima als bei anderen großen Festivals. Die Erwartungen an höchste künstlerische Ansprüche erfüllen sich, weil Äußerlichkeiten, Glamour und Kommerz allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Und weil alles sich nur um die Musik dreht.

Nachdem sich Claudio Abbado in den vergangenen Jahren verstärkt Gustav Mahlers Sinfonik widmete, haben es ihm nun die französischen Impressionisten angetan. Wieder einmal ist das wunderbare Lucerne Festival Orchester ist wie Wachs in den Händen seines Dirigenten. Farbenreichtum, eine dichte Atmosphäre, kammermusikalische Transparenz und Schwerelosigkeit bestimmen die Interpretation der träumerisch verklärten Trois Nocturnes von Claude Debussy. Am schönsten und intensivsten sind die Momente, in denen es ganz leise wird. Denn Maestro Abbado, der mit diesem einzigartigen Orchester noch im Alter von 75 Jahren das Herzstück dieses Festivals ist, gibt jedem noch so kleinen Motiv alle Zeit der Welt, sich zu entfalten.

Über allem walten ein gemeinsamer Atem, große Wachsamkeit und eine spürbare Seelenverwandtschaft zwischen den Musikern und ihrem Leiter. Dabei tut es dem Klangkörper keinen Abbruch, dass einige langjährige Mitstreiter wie zum Beispiel die Cellistin Natalia Gutman oder der Oboist Albrecht Mayer, der diesmal nur Solokonzerte gibt, einmal nicht dabei sind. An ihrer Stelle haben hoffnungsvolle angehende Solisten die Chance, in diesen einzigartigen Apparat hineinzuwachsen und dabei den Beruf eines Orchestermusikers als etwas Kostbares wertzuschätzen - wie der feinnervige, introvertierte Cellist Julian Steckel zum Beispiel.

An den spannungsreichen Pianostellen zeigt sich allerdings auch einmal mehr die blendende Akustik des berühmten, von Jean Nouvel erbauten weißen Saals im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum, das malerisch direkt am Wasser liegt und vor allem von der Dachterrasse aus ein herrliches Panorama auf die umliegenden Berge bietet.

Ganz in Gold erstrahlt Elina Garanca, die Solistin des Eröffnungskonzerts. Mit überirdisch schönen Piano- und Kopftönen taucht die Mezzosopranistin in die verträumt-orientalische Welt von Ravels Shéhérazade ein. Und auch ihr Auftreten ist frei von jeder Eitelkeit.

Sogar auf der Eröffnungsgala, die mit Kostproben auf Kommendes einstimmt, hat künstlerischer Anspruch Vorrang vor Superlativen: Vielversprechend wirkt eine Sequenz aus Joachim Schloemers Choreografie »In Schnee«, bei der er ausgewählte Cellosuitensätze Johann Sebastian Bachs an elektronische Klanginstallationen koppelt. Szenisch zu erleben sind dazu erotische und aggressive Spannungszustände zwischen Mann und Frau. Sequenzen, die stark an das Tanztheater einer Pina Bausch erinnern. Die Neugierde für den angekündigten Tanzmusik-Schwerpunkt, an den man hohe Erwartungen stellen darf, ist damit geweckt. Der Auftakt hätte kaum besser gelingen können. Kirsten Liese



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