06. August 2008, 01:12 Uhr

Spielfreude und traumhafte Musikalität

Eigentlich ist es ja nichts Besonderes, dass die britische Hardrockgruppe »Deep Purple« auf Tournee ist, denn auf den Bühnen rund um den Globus ist das Quintett offenbar lieber als in Tonstudios. Das »neue« Album »Rapture of the Deep« datiert von 2005 und wurde im Februar 2006 auch in Wetzlar präsentiert.
06. August 2008, 01:12 Uhr
Ian Gillan (l.), Steve Morse (Foto: ac)

Bei dem aktuellen Tourabschnitt gibt es allerdings Größeres zu feiern, nämlich das 40. Jubiläum der Bandgründung. 1968 begannen sich die Briten mit einem Konzert in Dänemark und dem noch etwas richtungslosen Album »Shades of Deep Purple« auf dem britischen Markt zu etablieren. Das dritte Album »Deep Purple« enthielt 1969 die Kultnummer »April«, aber da war die erste Besetzung (»Mark I«) schon Geschichte, Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover bildeten mit Gitarrist Ritchie Blackmore, Keyboarder Jon Lord und Drummer Ian Paice die klassische »Mark II«-Besetzung, die bis 1973 hielt und zehn Jahre später reformiert wurde. 1989 wurde Ian Gillan nach endlosen Streitereien mit Blackmore mal wieder vor die Tür gesetzt, ist aber seit 1993 nonstop dabei. Seit 1994 ist der Amerikaner Steve Morse der Gitarrist von »Purple«, Don Airey löste 2002 Jon Lord an den Tasten ab. Weil Airey ohnehin schon zum erweiterten »Purple«-Stammbaum gehörte, blieb dieser letzte Wechsel musikalisch fast folgenlos - auch wenn man den Gentleman Jon Lord vermisst, der für Crossover-Projekte wie das »Concerto for Group and Orchestra« verantwortlich war. Der immer gut gelaunte Saitenhexer Steve Morse lässt vielleicht den Funken Genialität vermissen, den Blackmore an seinen guten Tagen zu zünden imstande war. Dafür aber hat er das lange zerstrittene Quintett die Freude am Zusammenspiel wieder entdecken lassen und sorgt für ein konstant hohes Niveau aller »Purple«-Shows. Sein Gitarrensound ist fetter, verzerrter, seine Spielweise virtuoser und weniger roh als die Blackmores. Aber natürlich bringt er die Mutter aller Hardrock-Gitarrensoli, den legendären Lauf in »Highway Star«, genauso sauber - und wenn das Killer-Riff des bewährten Openers »Fireball« aus den Boxen knallt, zählt sowieso nicht mehr, wer da oben auf der Bühne steht.

»Purple« haben sich nie durch allabendlich wechselnde Setlists ausgezeichnet, aber von Tour zu Tour warten sie dann doch immer mal mit Überraschungen auf. »Into The Fire«, bisher immer nur am Ende von »Fireball« kurz angedeutet, wird komplett gespielt - Fans des brachialen Meisterwerks »In Rock« (1970) wird es auch in Siegen, wo die Gruppe am Freitag auftrat, gefreut haben.

»Strange Kind Of Woman«, ebenfalls ein Megahit, hat den Weg ins Programm zurückgefunden, danach kommen die »Rapture of the Deep«-Stücke, die sich live am besten bewährt haben, nämlich »Contact Lost« und später »The Well-Dressed Guitar«, bei denen vor allem Morse mit Soundspielereien glänzen darf. Eine echte Überraschung ist »Wring That Neck« vom zweiten Album - mithin neben der gewohnten Zugabe »Hush« das einzige Stück, das genauso alt ist wie die Band. Ian Gillans (63) Stimme klingt angenehm und unverwechselbar wie eh und je, aber bei einigen Passagen - fast Mitleid erregend spürbar bei »Highway Star« - ist ihm die Anstrengung deutlich ins Gesicht geschrieben. Mit »The Battle Rages On« hat die Band den majestätischen Titelsong des letzten Albums mit Blackmore (1993) wieder ins Set genommen - ähnlich heavy-melodiös wie »Perfect Strangers«, das nach wie vor zum festen Repertoire gehört.

Auch wenn einige von der mit 135 Minuten knapp bemessenen Spielzeit leicht enttäuscht waren: »Purple« können mit ihrer schieren Spielfreude und traumhafter Musikalität nach wie vor begeistern. Die nächste Chance, sie zu erleben, ist am 7. 11. in der Frankfuter Festhalle.

Wer auch im Pantoffelkino nicht auf »Purple«« verzichten will, kann sich das vor kurzem erschienene 4-DVD-Set »Around the World live« genehmigen. Auf drei DVDs sind Konzerte von 1995, 1999 und 2002 festgehalten. DVD 3 zeigt die Gruppe mit altem und neuem Keyboarder bei einem Konzert in England. DVD 4 erzählt in der handelsüblichen, also liebevollen, aber etwas zu unkritischen Art die Geschichte der Band mit etlichen Interviewteilen und Konzertausschnitten. Allerdings werden ehemalige Mitglieder wie Coverdale, Hughes, Bolin oder Satriani wirklich nur in einem Halbsatz erwähnt - dieser Film konzentriert sich ausschließlich auf die Zeit mit Steve Morse, also von 1994 an. Wer genussvoll über mehrere Abende verteilt in die neuere »Purple«-Geschichte einsteigen möchte, sollte zugreifen. Sehr zu empfehlen, weil immer aktuell, ist auch die offizielle Homepage <%LINK auto="true" href="http://www.thehighwaystar.com" text="www.thehighwaystar.com" class="more"%>.

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