03. August 2008, 19:06 Uhr

Wenn das Fahrrad vom alltäglichen Gegenstand zur Waffe mutiert…

Passender hätte das Eröffnungsstück zum Internationalen Sommerlabor 2008 kaum sein können: Acht Tänzer treffen sich zu einem Coaching, was vor allem bedeutet: gruppendynamische Prozesse und das Austesten der eigenen Grenzen, psychisch wie physisch.
03. August 2008, 19:06 Uhr
»En Servizio« © L. Philippe

Passender hätte das Eröffnungsstück zum Internationalen Sommerlabor 2008 kaum sein können: Acht Tänzer treffen sich zu einem Coaching, was vor allem bedeutet: gruppendynamische Prozesse und das Austesten der eigenen Grenzen, psychisch wie physisch. Dass nur zwei Tänzerinnen bei »En Servizio« mitmachen, verwundert am Ende nicht, angesichts der hochdynamischen Choreografie, die gekennzeichnet ist von körperlichen Kraftakten und Umkippen einzelner Szenen in Gewaltausbrüche. Alles beginnt ganz harmlos mit viel Witz: die Tänzer sitzen unerkannt im Publikum, geben Kommentare über das zu erwartende Bühnenstück ab oder erzählen einfach von sich. Einer von ihnen sucht ständig eine Frau.

Mit theatraler Kunst und zahlreichen Requisiten werden suggestive Situationen des menschlichen Miteinanders gezaubert. Dabei werden in gut 80 Minuten Aufführung vor allem silbrig glänzende Metalltische hin- und hergeräumt. Anfangs ist es ein Internet-Café, in dem weiße Plastiktabletts, von hinten beleuchtet, zu Computerbildschirmen werden. Doch der virtuelle Kennenlern-Chat mündet in einer realen Prügelei, weil sich ein Partner ständig veräppelt fühlt.

Besonders eindrücklich ist die Szene mit dem Fahrrad, in der zunächst auf akrobatische Weise Unfallsituationen simuliert werden, das Fahrrad dann aber zur Waffe mutiert. Die Knock-Outs werden derart körpernah ausgeführt, dass im Publikum so manches »Aua« ertönt. Viele Alltagssituationen werden ideenreich durchgespielt, die sich am Ende alle als brüchig erweisen. Die Grenze zur Eskalation ist immer greifbar und wird häufig überschritten. Am Ende verschwinden die Tänzer als Individuen: sie kriechen wie eine gleichförmige Masse über den Boden, bevor sie sich unter den Tischplatten festzurren und nur noch als Schatten zu erahnen sind. »En Servizio« eben, im Dienste der Sache.

Die Compagnie SOIT, eine Abkürzung für stay only if temporary (Bleib nur, wenn es vorläufig ist), kommt aus Brüssel, sie wurde 2002 von dem Choreografen Hans van den Broeck gegründet; es war bereits seine zweite Compagnie-Gründung. Die Choreografie »En Servizio« ist, wie häufig in der freien Tanzszene, mit Unterstützung verschiedener Institutionen entstanden, Uraufführung war 2006 in Wien. Am Freitag nun die deutsche Erstaufführung im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt aus Anlass der Eröffnung des Internationalen Sommerlabors 2008, das unter dem Motto »Framing« (Rahmung) steht.

Für zwei Wochen besetzen 60 junge Tänzer und Tänzerinnen den Mousonturm »vom Keller bis unters Dach«, wie der künstlerische Leiter Dieter Buroch bei seiner Begrüßung sagte. Sie nehmen an den Workshops von sechs namhaften Choreografen teil. Einer davon erhielt am Ende des Eröffnungsabends den Mouson-Award 2007/08, der mit 15 000 Euro dotiert ist und für eine neue Produktion verwendet werden muss: Richard Siegal (USA) wurde bekannt als herausragender Tänzer der Forsythe-Company, er tritt seit Jahren weltweit mit eigenen Choreografien hervor. Sein Solostück »The Bakery« ist am Mittwoch (6. August) zu sehen.

Ausbildungsinitiativen Tanz - Uni Gießen dabei

Dieses Tanz-Ausbildungsprojekt hat viele Väter und Mütter: der Bundesinititative »Tanzplan Deutschland« gab Frankfurt als erste Stadt in Deutschland die Zusage mitzumachen. Denn die 1,2 Millionen Euro des Bundes fließen nur, wenn Stadt und Land ebenso viel dazugeben. Auf fünf Jahre ist das Förderprojekt angelegt, dann - so die Hoffnung - sollen die Strukturen der Tanzszene soweit gefestigt sein, dass sie ohne die Bundeshilfen weitermachen können.

In Frankfurt nennt sich das Ganze »Tanzlabor 21« und hat seit 2006 sein organisatorisches Zentrum am Künstlerhaus Mousonturm. Ziel ist es, die Ausbildung von Tänzern, Tanzpädagogen und Choreografen zu verbessern - in Theorie und Praxis. Es gibt drei organisatorische Säulen, auf denen das Ganze in Hessen ruht, neben dem Mousonturm sind dies: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Universität Gießen, vertreten durch Prof. Heiner Goebbels, und die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, vertreten durch Prof. Dieter Heidkamp. An der HMDK wird seit dem vergangenen Wintersemester bereits der Masterstudiengang »Zeitgenössische Tanzpädagogik« angeboten, in Gießen wird ab dem Wintersemester 2008/09 der zweijährige Masterstudiengang »Choreografie und Performance« starten. Dagmar Klein

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