11. Juli 2008, 16:58 Uhr

»Ich bin wie Käthe Kollwitz auf der Flucht«

Ein »thüringischer Tornado« fegte am Donnerstagabend durch den Lottehof. Kabarettistin Simone Solga ist nach eigenen Angaben Angela Merkels »Knopf im Ohr« - also »die Kanzlersouffleuse«, wie ihr Soloprogramm heißt. Als diese hat sie ihre ganz eigenen Ansichten über Politiker.
11. Juli 2008, 16:58 Uhr
Kabarettistin Simone Solga bietet einen abwechslungsreichen Streifzug durch das Berliner Kanzleramt (Foto: koe)

Ein »thüringischer Tornado« fegte am Donnerstagabend durch den Lottehof. Kabarettistin Simone Solga ist nach eigenen Angaben Angela Merkels »Knopf im Ohr« - also »die Kanzlersouffleuse«, wie ihr Soloprogramm heißt. Als diese hat sie ihre ganz eigenen Ansichten über Politiker.

Simone Solga bezeichnet sich selbst als »thüringischen Tornado« und genauso tritt sie auf. Sie kommt rasend schnell auf die Bühne und ist bepackt mit allerlei Dingen, die Frau so braucht: Handtasche, Mantel, Thermoskanne. Damit, meint sie, »sehe ich aus wie Käthe Kollwitz auf der Flucht.« Von der ersten Minute an hat Solga die Lacher auf ihrer Seite. Durch geschickte Verknüpfung zwischen ihrem Programm, Anspielungen auf Wetzlar und das Publikum schafft sie sofort eine Verbindung zu den Zuschauern. Ein großer Mann in der ersten Reihe ist für Solga daher der »Sitzriese Goliath«: »Ist doch auch blöd, wenn der Kopf 1/4 des Jahres mit Schnee bedeckt ist«, sagt die 1,58 Meter große Frau.

Wie ein roter Faden zieht sich Solgas »Beruf« der politischen Souffleuse durch das Programm, denn »ohne den Knopf im Ohr wüssten die Damen und Herren in Berlin gar nicht mehr, was sie sagen sollten«. Damit erklärt sie auch Fehler und Eigenarten der Politiker: »Ulla Schmidt hat früher Hochdeutsch gesprochen, bis ein verschnupfter, rheinischer Büttenredner ihr souffliert hat.«

Besonders an Kurt Beck und Angela Merkel lässt Solga kaum ein gutes Haar. Zum SPD-Vorsitzenden meint sie: »Man muss nicht nur unfähig sein, sondern auch in die Politik gehen«. Die Kabarettistin weiß gleichzeitig sehr geschickt, sich selbst und ihre Herkunft aufs Korn zu nehmen. Dabei bekommen Honecker, das System der DDR und die Linkspartei ihr Fett weg: »Spitzeln ist wie Radfahren - das verlernt man nicht.«

Solga spricht in Schallgeschwindigkeit - fast ohne Punkt und Komma. Dabei stellt sie immer wieder unterschiedliche Charaktere dar: Alles sind Personen, die sie bei ihrer »Souffleusentätigkeit« im Kanzleramt in Berlin getroffen hat: Einfach köstlich ist sie als Putzfrau, die mit Berliner Akzent kein Blatt vor den Mund nimmt: »Mein Mann wollte gestern Abend, dass ich ihm etwas schmutziges ins Ohr flüstere. Da hab ich gesagt »Küche«.« Hervorragend mimt sie auch einen schnodderigen sächsischen Wachmann aus dem Kanzleramt, der seine ganz eigene Meinung zu Peter Hartz und seinen Affären hat: »Wir sind das einzige Land, dass seine Arbeitsmarktreformen nach einem Puffgänger benennt«.

Doch Solga kann nicht nur schnell sprechen, sondern auch gut singen. A capella befasst sie sich sehr gelungen in ihren Liedern mit Schönheitsoperationen oder der Arbeitslosigkeit.

Die Kabarettistin imitiert auch einige Politiker. Dabei schlüpft sie nicht in eine andere Rolle, sondern stellt mit Stimme oder Mimik nur kurz Eigenheiten von Westerwelle, Stoiber oder Merkel dar. Dazu braucht die Künstlerin wenig Equipment. Ein Tisch mit drei Stühlen, eine Zeitung und die Thermoskanne reichen aus. Sie schafft es, politische Geschehnisse in ihren Pointen exakt auf den Punkt zu bringen, ohne kompliziert zu werden. Da macht es nichts, wenn sie Ereignisse anschneidet, die schon einige Jahre zurückliegen. Als Zuschauer hat man sofort die entsprechenden Schlagzeilen oder Bilder im Kopf, die durch Solgas Interpretationen, ihre gedankliche und sprachliche Schnelligkeit und ihre sympathisch-lockere Art unvergesslich werden.

Genauso rasch wie der »thüringische Tornado« über dem Lottehof aufgezogen ist, ist er auch wieder vorbei. Zwei Stunden Programm scheinen bei so viel Witz und Klasse fast zu kurz. Man möchte mehr Anekdoten und Geschichten aus Berlin hören. Deshalb kann man nur hoffen, dass »Käthe Kollwitz auf der Flucht« irgendwann einmal wieder in der Nähe Halt macht.

Sabine Köhnkow

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