05. Mai 2008, 17:22 Uhr

Gefängnisdrama in der Französischen Revolution

Die Frage ist berechtigt: Was hat Claudio Abbado dazu bewogen, mit einem Banausen zusammenarbeiten zu wollen, der sich beschämend abschätzig über Schumanns Klavierkonzert äußerte und zuvor noch nie ein Opernhaus von innen sah? Die Rede ist hier von Chris Kraus, der für sein Gefängnisdrama »Vier Minuten« 2007, in dem er Schumanns a-moll Konzert als »Müll« entlarven wollte, den Deutschen Filmpreis erhielt.
05. Mai 2008, 17:22 Uhr

Die Frage ist berechtigt: Was hat Claudio Abbado dazu bewogen, mit einem Banausen zusammenarbeiten zu wollen, der sich beschämend abschätzig über Schumanns Klavierkonzert äußerte und zuvor noch nie ein Opernhaus von innen sah? Die Rede ist hier von Chris Kraus, der für sein Gefängnisdrama »Vier Minuten« 2007, in dem er Schumanns a-moll Konzert als »Müll« entlarven wollte, den Deutschen Filmpreis erhielt. Der Cineast Claudio Abbado sah den weitaus überschätzten Film in Italien und zeigte sich seltsamerweise so fasziniert, dass Kraus prompt sein Wunschkandidat für seinen ersten »Fidelio« wurde, den ursprünglich Robert Carsen inszenieren sollte, und der jetzt zur Eröffnung der Pfingstfestspiele in Baden-Baden Deutschlandpremiere hatte.

Seine Chance hat Chris Kraus gleichwohl verdient. Ja, man mag sogar zu dem überraschenden Ergebnis kommen, dass seine Opernarbeit, bei der er immerhin großen Respekt vor seinem Dirigenten bezeugte, stärker ausfällt als der umjubelte Film. Denn im Gegensatz zu anderen Opern inszenierenden Quereinsteigern wie etwa Doris Dörrie - man denke nur an den albernen Münchner Affen-»Rigoletto« oder die spleenig-pubertäre »Manga«-Turandot in Berlin - missbraucht er den Fidelio nicht zur puren Selbstdarstellung. Auch drängt sich bei Kraus die Regie nie mit hilflosen oder effektheischenden Aktualisierungsversuchen auf.

Vielmehr interpretiert er das Drama von dem zu Unrecht gefangenen Florestan und seiner ihn rettenden tapferen Frau allemal plausibel aus seiner Entstehungszeit und vor dem Hintergrund der französischen Revolution.

Das finster-kalte Staatsgefängnis liegt hier jedoch nicht in Spanien, sondern in Frankreich, wo die Gefangenen enthauptet werden. Auf Maurizio Balòs Bühne wird die Schreckensherrschaft in jedem Moment spürbar zwischen Guillotine, dunklen hohen Mauern, Schächten, Kerkerzellen und Falltüren. Nur übertreibt es Kraus bisweilen mit allzu makabren Szenarien und Knalleffekten, wie man sie aus dem kommerziellen Actionkino kennt, wenn etwa das Fallbeil voller Wucht zum Einsatz kommt oder Marzelline, die Tochter des Kerkermeisters, einen Delinquenten zu seiner Enthauptung auf der Guillotine vorbereitet, während sie Hochzeitspläne mit Fidelio schmiedet.

Auch an der Personenregie hätte Kraus noch ein bisschen feilen dürfen, vernehmen sich doch die gesprochenen Dialoge recht steif und hölzern. Zumindest aber bezeugt seine handwerklich solide Inszenierung Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Text - in heutigen Zeiten schon viel. Packend und bewegend, wie zum berühmten Freiheitschor die körperlich geschwächten und an Atemnot schon halb erstickten Gefangenen kriechend ihr finsteres Verlies durch einen schwarzen schmalen Spalt verlassen: Finsternis, Enge und Unmenschlichkeit vermitteln sich wie von selbst mit wenoigen Andeutungen.

Stark auch, wie der eingeschüchterte Kerkermeister Rocco vor dem im Rollstuhl sitzenden fiesen Gouverneur buckelt, der sich nur an Krücken fortbewegen kann und seine Behinderung durch Härte zu überspielen versucht.

Die größte Herausforderung an jeden Regisseur stellt Beethovens utopische Freiheitsoper freilich mit ihrem Finale, bei dem sich die zutiefst pessimistische, tiefschwarze Stimmung nahezu bruchlos ins lichte C-Dur aufhellt. In schlechten Inszenierungen, die sich über Partitur und Libretto hinwegsetzen, bleibt Florestan ein Gefangener. Kraus findet eine bessere Lösung. Leonore darf ihren Mann von den Fesseln befreien, dann aber treiben Soldaten das übrige Volk noch im Jubelgesang zurück in die Kerker und errichten weitere Guillotinen.

Abbados musikalische Einstudierung mit dem Originalklang-versierten Mahler Chamber Orchestra und dem agilen, hochmotivierten Wiener Arnold Schoenberg Chor ist eine Klasse für sich. Mittlerweile 74 Jahre alt ist der italienische Maestro, der seit seiner Krebsoperation vor acht Jahren mit seinen Kräften haushalten muss. Umso erstaunlicher, wie frisch, zupackend, erregt und hitzig es aus dem Graben und auf der Bühne tönt, vor Energie sprühend, als stünde ein weitaus Jüngerer am Pult. Dabei drohen die flotten Tempi nie in Hektik umzuschlagen, und trotz dramatischer Schwere sorgen die Streicher stets für einen wunderbar durchsichtigen, elastischen Klang.

Nur einmal schimmert auch die Altersweisheit des Dirigenten durch - im magisch-entrückten Quartett »Mir ist so wunderbar«.

Aus einem eher schwächeren Sängerensemble ragt die mit einem lieblichen Timbre gesegnete Julia Kleiter als Marzelline heraus. Anja Kampe als Leonore und Clifton Forbis als Florestan stemmen sich etwas mühevoll durch ihre Partien und haben Not im hohen Register. Das aber verschmerzt eine insgesamt glänzende Premiere, die mit einem wahren Jubelsturm für Claudio Abbado ausklang. Kirsten Liese

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