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Alberne Mischung aus Theater und Bibel

Er galt als einer der letzten Großen, die in den vergangenen zehn Jahren das legendäre Berliner Ensemble prägten: der Regisseur und Dramatiker George Tabori, der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren starb. Dass Claus Peymann die Erinnerung an den großen Theaterkünstler wach halten will, ist gewiss sehr ehrenhaft. Die Stückauswahl für die jüngste Premiere mutet dagegen erschreckend unvorteilhaft an. Mit dem irreführenden Titel »Goldberg-Variationen«
09. März 2008, 20:12 Uhr
Marina Senckel als Superstar Terese Tormentina	(dpa-Foto)
Marina Senckel als Superstar Terese Tormentina (dpa-Foto)

Er galt als einer der letzten Großen, die in den vergangenen zehn Jahren das legendäre Berliner Ensemble prägten: der Regisseur und Dramatiker George Tabori, der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren starb.

Dass Claus Peymann die Erinnerung an den großen Theaterkünstler wach halten will, ist gewiss sehr ehrenhaft. Die Stückauswahl für die jüngste Premiere mutet dagegen erschreckend unvorteilhaft an. Mit dem irreführenden Titel »Goldberg-Variationen« überschrieb Tabori eine Doppelparodie auf den Theaterbetrieb und biblische Geschichte. Deren Text strotzt nur so vor Albernheiten (»sprich nicht vom Herrn, als sei er der Herausgeber vom Playboy«), Kalauern (»Wer kann, der kann, wer nicht kann, wird Kritiker«), Plattitüden (»Ich habe die Schnauze voll von Küche, Kirche und diesem Kind«), antisemitischen Klischees (»Wir sind die schlimmen Juden, genauso wie's euch gefällt, Linke und Lumpen und Luden, jeder ein Hund, der den Mond anbellt«) und religionskritischen Geschmacklosigkeiten (»Kommt Schnee und Hagel Jesulein süß - Wir ha'm nur einen Nagel, kreuz' deine Füß'«).

Goldberg, das ist hier aber nicht etwa der Komponist und Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, dem Johann Sebastian Bach seine berühmten »Goldberg-Variationen« widmete, die in Taboris-Stück nur dann und wann bezugslos zum Erklingen kommen. Goldberg, so heißt im Stück vielmehr ein jüdischer Regieassistent (Götz Schubert), der die undankbare Aufgabe hat, mit dem tyrannischen Regisseur Mr. Jay (Dieter Mann) Bibelszenen auf die Bühne des Jerusalemer Theaters zu bringen. Der alltägliche Probenwahnsinn verursacht Chaos vor, hinter und auf der Bühne: Nur mit Mühe gelingt es der Technik, Licht und Finsternis zu trennen. Budgetkürzungen zufolge müssen im Schöpfungsakt Spielzeugtiere die vorgesehenen echten Tiere ersetzen. Jays Lieblingsschauspielerin weigert sich, die Eva (Marina Senckel) im Paradies nackt zu spielen, als Isaak durch Abraham geopfert werden soll, fließt versehentlich reales Blut, und am Ende muss Goldberg, den Jay als Juden verachtet, schauspielerische Künste als Jesus Christus am Kreuz beweisen.

Thomas Langhoffs Regie verstärkt all den starken Tobak mit übertriebenen Gebärden, quietschbuntem Ausstattungsplunder (Requisite: Olaf Randel), lächerlichen Lendenschürzen (Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier) und grellen Musikcollagen zwischen Klassik und Techno. Auf den vom Autor vorgesehenen Vorhang mit dem Nietzsche-Zitat »Gott ist tot« und einem fingierten Gottes-Zitat »Nietzsche ist tot« hat Langhoff verzichtet. Stattdessen bestimmt Hageneiers karge Bühne das Porträt eines bärtigen Alten im Stil des Popkünstlers Andy Warhol: ein Gottesgesicht? Irgendwann wird das Poster brutal zerstört, als Vandalisten einen rockigen Tanz ums Goldene Kalb vollführen.

Leider kann auch das prominent besetzte Ensemble, aus dem allen voran Carmen-Maja Antoni als Putzfrau mit lakonischem Witz hervorsticht - den haarsträubenden Abend nicht retten.

Kirsten Liese

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/art68,17700

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