20. Februar 2008, 18:58 Uhr

Von Deep Purple bis zum »teuflisch schweren« Klavierkonzert

Mit seiner Deep Purple-Vergangenheit (1968-2002) hat er nach wie vor keine Probleme. Bereitwillig, mit unverkrampftem Stolz, signiert er nach dem Konzert am vergangenen Freitag Platten und CDs des vor 40 Jahren gegründeten englischen Quintetts. Ebenso selbstverständlich, mit leiser Wehmut, stellt er sich auch im Interview Fragen nach den ehemaligen Weggefährten, mit denen er über die Hälfte seines bisher 66-jährigen Lebens verbracht hat.
20. Februar 2008, 18:58 Uhr

Mit seiner Deep Purple-Vergangenheit (1968-2002) hat er nach wie vor keine Probleme. Bereitwillig, mit unverkrampftem Stolz, signiert er nach dem Konzert am vergangenen Freitag Platten und CDs des vor 40 Jahren gegründeten englischen Quintetts. Ebenso selbstverständlich, mit leiser Wehmut, stellt er sich auch im Interview Fragen nach den ehemaligen Weggefährten, mit denen er über die Hälfte seines bisher 66-jährigen Lebens verbracht hat. Mit Drummer und Schwippschwager Ian Paice, Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover unterhält er enge Kontakte, und selbst mit Gitarrist Ritchie Blackmore, der - anders als Lord - die Gruppe im Streit verließ, verkehrt er zumindest per E-Mail. Ganz ohne ironischen Seitenhieb kommt der launische Saitenheld aber nicht weg: Als Lord sagt, dass Blackmore mit seiner jetzigen Musik wohl glücklich sei, amüsiert er sich über den paradoxen Ausdruck »glücklicher Ritchie«.

Der silbergrauhaarige Tastengentleman mit dem Künstlerzopf emanzipiert sich derweil auf seine Weise von Deep Purple. Vor 39 Jahren, noch vor dem wegweisenden Hardrockalbum »In Rock«, hatte Jon Lord seine anfangs nicht begeisterten Kollegen zur Mitwirkung bei dem von ihm geschriebenen und mit Hilfe des renommierten Komponisten Malcolm Arnold orchestrierten »Concerto for Group and Orchestra« überredet. Uraufgeführt wurde das dreisätzige Werk, das von Beginn an kritisiert wurde, weil es keine wirkliche Synthese zwischen U- und E-Musik herstelle, am 24. 9. 1969 in der Londoner Royal Albert Hall. Dreißig Jahre später gab es ein Wiederhören am gleichen Ort und eine Welttournee mit einem üppigen Greatest Hits-Programm um das »Concerto« herum, die Purple im Oktober 2000 auch in die Frankfurter Festhalle führte.

Jon Lord hat das »Concerto« gut vierzigmal gespielt, meistens mit Deep Purple. In Hagen nun genießt er das Privileg, sein »Baby« von anderen aufgeführt zu erleben, nämlich von dem ausgezeichnet intonierenden und dynamischen Philharmonischen Orchester Hagen, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen u.a. mit diesem Festkonzert feiert, und der Gelsenkirchener Gruppe »DCRS« (Dead Composer's Rocking Society) um Keyboarder Ralph Breitenbach, der den Kontakt zu Lord herstellte und sich mit der »Concerto«-Aufführung einen lang gehegten Traum erfüllt hat. Das Konzert ist mit 1250 Besuchern ausverkauft, und auch in der kurzfristig eingerichteten öffentlichen Probe am Vorabend ist die Stadthalle voll. Für Jon Lord ist das ein wichtiger Schritt: vom Rockmusiker mit klassischen Ambitionen (Crossover) zum ernst zu nehmenden Komponisten, dessen Werke auch unabhängig von Deep Purple ihren Weg in die Konzertsäle finden.

Nach der Pause ist Lord dann selbst wieder dabei und spielt bei drei Stücken von 1997 bzw. 2004 (»Telemann Experiment« und die etwas sentimentalen »One From The Meadow« und »Wait A While«) Klavier. Bei Höhepunkten aus seinem 1975er-Klassiker »Sarabande« haut er auch mal in die Tasten seiner nach wie vor geliebten Hammondorgel. Unterstützt wird er von der Sängerin Tanja Schun und dem Tenor Jeffrey Krueger, die beide dem Hagener Theaterensemble angehören und daher mit klassischer Stimmbildung glänzen.

In diesem Jahr erscheinen zwei »klassische« CDs von Lord: das vorerst nur als Import erhältliche »Durham Concerto« zum 175-jährigen Bestehen der Universität Durham (Nordengland) - eher ruhige großorchestrale Programm-Musik mit wenig Hammond, dafür Northumbrian Pipes - sowie im März sein erstes Klavierkonzert »The Boom of the Tingling Strings«, an dem er »nur« als Komponist beteiligt ist. Lord erklärt, es werde den Hörer vielleicht ein klein wenig an das von ihm hoch geschätzte Klavierkonzert Ravels erinnern. Indes ist er froh, es nicht selbst zu spielen, denn der letzte Satz sei »teuflisch schwer«.

Für 2008 sind etliche Aufführungen des »Durham Concerto«, des Klavierkonzerts und des »Concerto for Group and Orchestra« (innerhalb Deutschlands bisher leider keine weiteren Auftritte) geplant. Ob er neben all diesen Terminen in nächster Zeit dazu kommen wird, seine vage in Aussicht genommene »Jon Lord Band« zu formieren und wieder Hammond-Orgel zu spielen?

Weiteres auf www.jonlord.org

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