19. Februar 2008, 12:08 Uhr

Wunderbare Bilder für elementare Gefühle

Federico García Lorcas letztes Schauspiel, die archaische wortkarge Frauentragödie »Bernarda Albas Haus«, verbietet das sonst für García Lorcas Bühnenstücke so typische spanische Flair durch Musik und Tanz. Immer wieder fühlen sich aber Choreografen zu der gewaltigen Wucht der fast sprachlosen Anklage des Dichters gegen die spanische Frauen-»Sklaverei« zu Interpretationen inspiriert. Osnabrücks Tanztheaterchef setzt ausdrücklich auf die »Gefühle« der Töchter.
19. Februar 2008, 12:08 Uhr
Turbulenzen in »Bernarda Albas Haus«: (v.l.) Berit Jentzsch, Zaida Ballesteros Parejo, Olivia Court Mesa, Alexandra Brenk, Johanna Elisa Lemke (Foto:B. Stöß)

Federico García Lorcas letztes Schauspiel, die archaische wortkarge Frauentragödie »Bernarda Albas Haus«, verbietet das sonst für García Lorcas Bühnenstücke so typische spanische Flair durch Musik und Tanz. Immer wieder fühlen sich aber Choreografen zu der gewaltigen Wucht der fast sprachlosen Anklage des Dichters gegen die spanische Frauen-»Sklaverei« zu Interpretationen inspiriert. Osnabrücks Tanztheaterchef setzt ausdrücklich auf die »Gefühle« der Töchter.

Das Trauerritual thematisiert ganz andere Wahrheiten über spanische Traditionen - wie etwa die Flamenco-Kultur und Fandango als Ausdruck andalusischer Lebensfreude. Die Witwe Bernarda Alba lebt die grausame Tradition der achtjährigen Witwentrauer in absoluter Abgeschnittenheit vom öffentlichen Leben. Die mehrfach von Männern enttäuschte Frau wird zur Vergewaltigerin ihrer fünf lebenslustigen, erwachsenen Töchter, indem sie sie in diese Isolationshaft zwingt. »Mit euren Gefühlen gebe ich mich nicht ab«, schreit die Verbitterte.

Hell ist der weite Bühnenraum, karg und doch chaotisch möbliert mit aufgestapelten Gartenmöbeln und aufgereihten eisernen Betten. Bunt sind die Kleider oder wenigstens hell ihre Unterwäsche, während sie lustlos ihre schwarzen Klamotten in einem Bottich waschen. Für Langeweile, Rivalität, Wut, Sehnsucht, Begierde erfindet Santi ganz wunderbare Bilder. Ausstatterin Katrin Hieronimus setzt raffiniert complementäre Akzente: die Männer »draußen« agieren total Sex-geil hinter den schwarzen Fenstervorhängen, die plötzlich durchsichtig werden. Pepe - der die älteste Tochter Angustias, Bernardas älteste Tochter aus erster Ehe, heiraten soll, aber Adela, die jüngste aus der Ehe mit derem eben verstorbenen Vater, verführt - bleibt kein Fantasiegebilde - ebenso wie die anderen »Dreckskerle« in García Lorcas Stück. Sympathisantin mit den Töchtern ist bei Santi nicht »die Magd«, sondern Bernardas Mutter. Sie schwebt in einem »Himmelbett« über dem gespenstischen Trauergefängnis, singt ihre hoffnungsträchtigen Lebensweisheiten mit brüchiger Stimme und wirft der spröden Angustias ihren weißen Braut-Rüschenrock, später den chamois-farbenen Spitzenumhang wie einen Rettungsring zu.

Santi hat seinem großartigen Tanztheater wohlweislich den Untertitel »nach Federico García Lorca« gegeben. Aus dem Ensemble ragen Olivia Court Mesa als Angustias und Zaida Ballesteros Parejo als Adela hervor.

Marieluise Jeitschko

Nächste Vorstellungen: 20., 26. und 29.2.08 - Karten: 0541-7600076.

Info: www.theater-osnabrueck.de

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