15. Februar 2008, 17:04 Uhr

Lustlosigkeit beim Endspurt der Berlinale

Das Finale enttäuscht: Mit einer langen Folge mittelmäßiger bis uninteressanter Wettbewerbs-Beiträge gehen diese 58. Berliner Filmfestspiele zu Ende. Schon seit Dienstag machen sich Müdigkeit und Lustlosigkeit breit, zumal selbst so anspruchsvolle Regisseure wie Mike Leigh (»Happy-Go-Lucky«) und Amos Kollek (»Restless«) nicht an frühere Meisterwerke anknüpfen können.
15. Februar 2008, 17:04 Uhr
Kamen zur Berlinale: Kinskis letzte Ehefrau, Minhoi Loanic, und sein Sohn Nikolai (dpa)
Schon seit Dienstag machen sich Müdigkeit und Lustlosigkeit breit, zumal selbst so anspruchsvolle Regisseure wie Mike Leigh (»Happy-Go-Lucky«) und Amos Kollek (»Restless«) nicht an frühere Meisterwerke anknüpfen können. Zähflüssig, verquast, genreunsicher und unstrukturiert muten viele dieser Filme an, bei einigen fragt man sich, was sie überhaupt erzählen wollen und warum sich so exquisite Schauspieler wie Nanni Moretti (»Caos Calmo«), Jean-Pierre Darroussin (»Lady Jane«) oder Tilda Swinton (»Julia«) sich dafür hergegeben haben, deren Figuren noch nicht einmal einen Darstellerpreis rechtfertigen.

Auf solch schwachem Niveau hätte sich der Wettbewerb nicht bewegen müssen. Immerhin gab das »Panorama«, das sich vom Profil ohnehin kaum noch vom Wettbewerb unterscheidet, deutlich stärkere Produktionen her: »Genenet Al Asmak - Das Aquarium« etwa ist ein melancholisch-poetisches Doppelporträt aus dem kaum bekannten Filmland Ägypten.

Yousry Nasrallah konzentriert sich auf das Leben der Reichen und Schönen, die in hellen, schönen Apartments wohnen, aber in ihrer Einsamkeit gefangen sind. Eine Radiomoderatorin und ein Anästhesist verbergen ihre eigenen Persönlichkeiten hinter den Geheimnissen anderer Menschen. Ihr Alltag gewährt zugleich tiefe Einblicke in die politische Gegenwart Kairos. Sichtbar werden behutsame Versuche weiblicher Emanzipation, heimliche Abtreibungen, Straßen-Demonstrationen gegen staatliche Korruption.

Bizarrster Beitrag dieser Berlinale ist die »Panorama«-Dokumentation »Jesus Christus Erlöser«. Peter Geyer rekonstruiert hier erstmals einen grandios gescheiterten Rezitationsabend Klaus Kinskis in der Berliner Deutschlandhalle aus dem Jahr 1971. Zehn Jahre hatte Kinski daran gearbeitet, die Passionsgeschichte mit aktuellen Bezügen anzureichern. »Gesucht wird Jesus Christus«, so beginnt der 30 Schreibmaschinenseiten umfassende Monolog, in dem es bisweilen auch derb zugeht: »Was muss ich tun, um dir nachzufolgen, fragt der Papst.« Kinskis Jesus brüllt: »Halt's Maul und folge mir nach!«

Nicht alle Zuschauer aber wollen sich belehren lassen. Sie besteigen die Bühne, um zu diskutieren oder provozieren den selbsternannten Messias. Kinski bricht mehrmals ab, rügt seine Kritiker - »halt doch einfach deine Schnauze« -, fängt aber jedes Mal charismatisch wieder von vorne an, bis er schließlich das »Gesindel« davonjagt. Am Ende wird seine Sehnsucht nach Verständigung aber doch noch real. Draußen in der Kälte setzt er in nächtlicher Stunde vor einer kleinen Gruppe von 100 Fans ein letztes Mal an. Wieder kommt es zu kleinen Disputen, aber irgendwann ist alles still und lauscht. Das ist nicht nur großes Theater, sondern auch faszinierendes Kino.

Kirsten Liese



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