17. April 2016, 18:23 Uhr

Ein »Sturm« in ästhetischen Bildern von Kriegenburg

Es ist es Fest für die Sinne, ein Genuss für Augen und Ohren. Andreas Kriegenburg bezaubert allein schon mit seinem wunderbaren Bühnenbild zu Shakespeares »Der Sturm« in Frankfurt. Nur manchmal, da plätschert die alte Weise um den verstoßenen Herzog Prospero doch allzu belanglos vor sich hin.
17. April 2016, 18:23 Uhr
Balanceakt mit roten Schirmen: Ariel (Franziska Junge, 3. v. l.) und seine helfenden Geister verzaubern die Bühne, während Prospero (Felix von Manteuffel, hinten am Baum sitzend) entspannt seine Angel ins Wasser hält. (Foto: Birgit Hupfeld)

Die Erwartungen an diesen Premierenabend sind hoch gesteckt, hat Andreas Kriegenburg doch am Schauspiel Frankfurt in den vergangenen Jahren schon mehrmals bewiesen, dass er zu Recht zur ersten Garde der Theaterregisseure in deutschen Landen zählt. Seine Inszenierungen wie von Tschechows »Die Möwe« oder Goldonis »Diener zweier Herren« sind stets von empfindsamer Poesie getragen, die er mit großer Körperlichkeit seiner Darsteller paart.

Auch im »Sturm« schlägt der 52-Jährige gleich zu Beginn mit immenser Wucht zu. Nach einem komischen Vorspiel mit sächselnder Pianistin – später wird Franziska Junge sich in den irrlichternen Luftgeist Ariel verwandeln –, haut diese so vehement in die Tasten, dass es die erst leblos wirkenden Figuren heftig von ihrem rettenden Kletternetz schüttelt und sie an den Strand einer einsamen Insel spült. Und damit direkt in das Reich des einst mächtigen Herzogs Prospero, der mithilfe seiner dienstbaren Geister einen üblen Rachefeldzug plant.

Dann folgt die Ruhe auf den Sturm. Und Felix von Manteuffel breitet den weiten weißen Zaubermantel des Prospero aus, um in aller Ausführlichkeit seiner Tochter Miranda von der Ursache ihrer Verbannung zu berichten. Wie die hübsche Miranda (Franziska Bach) läuft auch der Zuschauer hier Gefahr, den wohlgeformten Worten nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit zu lauschen. Auch wenn die Neuübersetzung von Frank-Patrick Steckel mit flotten Sprüchen gespickt ist, kann sie über gewisse Längen im Text und in der Aufführung nicht hinwegtäuschen.

Ohne Frage: Kriegenburg gelingen wunderbare Bilder, die sich nachhaltig einprägen. Wenn Ariel und seine vier flinken Helfer behände mit roten japanischen Papierschirmen balancieren zum Beispiel, während Prospero stoisch seine Angel ins Nass hält. Oder wenn das frisch verliebte Paar Miranda und der gestrandete Königssohn Ferdinand (Nico Holonics), auf dem zentralen Baum sitzend, sich Blätter der Poesie von den Ästen zupft. Aber auch für die drohende Gefahr findet der Regisseur die passende Umsetzung, wenn Prospero und seine Gehilfen mit Peitschen solange auf das Wasser einschlagen, bis es seine Peiniger von einst in Mark und Bein trifft.

Überhaupt das Wasser: Für die Schauspieler mag es vielleicht eine Zumutung sein – Vorsicht: Rutschgefahr! Aber für die Ästhetik des Bühnenbildes ist es eine Bereicherung, dass Kriegenburg den Boden wenige Zentimeter geflutet hat. Folglich agieren alle barfuß unter ihren langen wallenden Kleidern (Kostüme: Andrea Schraad), die sich im Laufe der dreistündigen Vorstellung immer mehr von unten vollsaugen.

Kein Shakespeare ohne Rüpelszenen! Diesen Part hat der Regisseur den beiden bewährten Komikern Christoph Pütthoff und Sascha Nathan zugedacht, die als Trinculo und Stephano ganz tief in die Klamaukkiste greifen dürfen. Mit hanseatischem Zungenschlag sorgen sie für manch derben Witz, und ihre Zotigkeit im Umgang mit dem gar nicht so wilden Caliban (Michael Benthin) stößt nicht selten an die Grenzen des guten Geschmacks.

Der ganz große Wurf ist Andreas Kriegenburg diesmal zwar nicht gelungen. Aber sein ausgefeiltes Bildertheater lohnt ein Besuch der Aufführung allemal.

Marion Schwarzmann

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