18. Dezember 2015, 22:13 Uhr

Derbytime in Frankfurt

(gae) Derby reloaded. Wer ist in Hessen die Nummer eins im Basketball? Nach zweijähriger Abstinenz der Gießen 46ers kommt es am Sonntag um 17 Uhr in der Fraport-Arena zum Aufeinandertreffen der beiden höchstklassigen Klubs im Hessenland: Die Frankfurt Skyliners empfangen die 46ers. Eine Analyse der Positionen.
18. Dezember 2015, 22:13 Uhr

Gastgeber Frankfurt Skyliners spielt bislang eine bärenstarke Saison und belegt Rang sechs in der BBL, wenn die beiden letzten Partien nicht mit Niederlagen geendet hätten, wären die Mainstädter punktgleich mit Tabellenführer Brose Baskets Bamberg. Dennoch kann sich die Ausbeute der Mannschaft von Trainer Gordon Herbert mit acht Siegen bei vier Pleiten mehr als sehen lassen. Die Gäste von der Lahn sind ebenfalls im Soll. Als Rückkehrer in die Beletage belegen sie mit der Bilanz von fünf Erfolgen aus zwölf Spielen Platz zehn – das hätten den 46ers vor der Saison sicher nur die Hard-
core-Fans zugetraut.

Beiden Teams eilt der Ruf voraus, erst einmal hinten den Laden dichtzumachen – und dann im Sauseschritt nach vorne zu spielen. Im Fachjargon: aus einer aggressiven und mit viel Druck agierenden Mann-Mann-Defense schnelles Umschaltspiel kreieren. Die Philosophie der beiden Trainer Denis Wucherer für die Gießen 46ers und Gordon Herbert für die Frankfurt Skyliners. Und wer hat die Nase im Vergleich vorne? Ein detaillierter Blick auf die Spielpositionen eins bis fünf.

Position eins (Aufbau): Den Takt bei den Skyliners gibt Jordan Theodore vor. Der bullige 1,82-m-Mann führt das Team auf der Eins. Seine Stärken sind neben dem guten Auge vielfältig. Pass, Wurf und Rebound, er antizipiert gut, obwohl er nicht der Größte ist. Mit dem Dreier steht er auf dem Kriegsfuß, bislang nur 27,6 Prozent von jenseits der 6,75-m-Linie. Dafür hat er einen enormen Drang zum Korb – und dabei den Hang zu überdrehen. Mit 13,5 Punkten pro Spiel bester Werfer, laborierte aber zuletzt an einer Oberschenkelverletzung. Die Königsposition teilt er sich mit dem 24-jährigen Deutschen Konstantin Klein, der in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung vollzogen hat und auch schon für das A-Nationalteam nominiert war. Der 86-Kilo-Mann fackelt nicht lange und agiert auf dem Feld intuitiv, wobei er meist den freien Mann sucht.

Auf der Königsposition sind die Gießener personell gut besetzt. Wobei Cameron Wells zurzeit schwächelt und Defizite in der Entscheidungsfindung aufweist. Der Amerikaner muss mehr Verantwortung übernehmen, konsequenter zum Korb ziehen und seine Scorerqualitäten aus dem Dribbling heraus zeigen. Ihm fehlt die Lockerheit, die sein kongenialer Partner Braydon Hobbs alleine schon durch sein »Lausbubengesicht« ausstrahlt. Seit der Geburt seiner Tochter wirkt der Amerikaner noch motivierter und befreiter. In der Abwehr hat er schnelle Hände, im Angriff ein gutes Auge und Qualitäten von der Dreierlinie. Mit Achmadschah Zazai haben die 46ers noch einen weiteren Wirbelwind im Aufbau, der von der Bank aus Schwung mitbringen kann. Momentan läuft es beim »Warrior« aber nicht besonders, da er auch wenig Gelegenheit erhält, sein Können zu präsentieren.

Positionen zwei und drei (kleiner und großer Flügelspieler): Quantez Robertson gehört bei den Frankfurtern schon fast zum Inventar. Der 31-jährige Shootingguard wirft seit 2009 Körbe für die Skyliners (im Schnitt in dieser Saison 9,42) und ist mit durchschnittlich 31:14 Minuten der Dauerbrenner auf dem Feld. Tomas Dimsa ist von Zalgiris Kaunas an den Main gewechselt. Der 21-jährige Litauer hat noch Anpassungsschwierigkeiten. John Little dagegen nicht, er kennt die BBL wie seine Westentasche. Der 31-jährige Amerikaner ist das Chamäleon, wechselt ständig die Position von zwei auf drei. Er ist ein unbequemer Gegner, der körperbetont spielt. Der Starter von der drei ist Aaron Doornekamp – ein sehr flexibler 2,01 m großer Kanadier, der die Bundesliga ebenfalls kennt, in allen Kategorien gute Werte aufweist (mit 12,6 Punkten drittbester Scorer) und nach Robertson am zweitlängsten auf dem Feld steht.

Bei Gießen von der Zwei aus startet Nationalspieler Karsten Tadda, der sich in kürzester Zeit als Führungsspieler etabliert hat. In der Defense ist der Bamberger ein wahrer Killer, im Angriff fehlt ihm noch der Instinkt. Ansonsten ein Teamplayer, der verstärkt an seiner Wurfkonstanz arbeiten muss. Angekommen in der BBL ist Eric James Palm, der emotionale Leader des Teams, der nach seinem Fingerbruch immer besser zu seinem Spiel findet. Gefährlich von der Dreierlinie, dagegen nicht immer konstant, und in der Defense ein harter Hund. Palm ist eine gute Option von der Bank.

Von dort kommt meist der Deutschkubaner Yorman Polas Bartolo, der sich dann oft auf der Drei versucht. Der 30-Jährige ist ein Energizer, in der Abwehr und im Angriff kommt ihm seine Athletik zugute und seine Mentalität, immer Spiele gewinnen zu wollen. Manchmal muss er noch erwachsener agieren und mehr antizipieren. Backup Ethan Wragge hinkt den Erwartungen hinterher. Der 2,01-m-Mann schießt zwar in bester Lucky-Luke-Manier seine Dreier, aber ansonsten strahlt er im Angriff keine Gefahr aus. In der Defense fällt der Amerikaner ebenfalls nicht großartig auf.

Positionen vier und fünf (Powerforward und Center): Jungnationalspieler Johannes Voigtmann ist eine Bank bei den Skyliners. Der Spätstarter (erst mit 16 Jahren zum Basketball gekommen) ist in der BBL eine feste Größe und ein Leader in Frankfurt. Wohl der beste passende Center der Liga mit Scorer- (12,7) und Reboundqualitäten (6,6). Neben dem 2,11-m-Schlaks agiert sein Nationalteam-Kollege Danilo Barthel. Der 24-jährige Powerforward ist variabel und schließt im Zweierbereich mit 70,4 Prozent hochprozentig ab. Backups sind unter dem Korb der 2,06 m große Amerikaner Mike Morrison (8,6) und auf der Vier der 23-jährige Johannes Richter.

Gleich alt ist der neue Gießener Center Gabriel Olaseni, der viel Potenzial besitzt, aber noch einige Zeit brauchen wird, um es komplett abzurufen. Seine ersten drei Auftritte waren gut – 10,3 Punkte, 6,7 Rebounds und 2,3 Blocks. Er muss sich noch mehr zutrauen und in Brettnähe konsequent abschließen, am besten per Dunk. Suleiman Braimoh, der gesetzte auf der Powerforward-Position, macht sich wohl zurzeit zu viele Gedanken. Nach seiner Verletzung an der Fußsohle konnte er an die vorherigen Leistungen nicht anknüpfen. Will zu viel und verkrampft dabei. Dennoch immer noch mit 14,9 Punkten per Match der Topscorer der 46ers. Seine
Backup-Rolle akzeptiert hat Benjamin Lischka, der in den knapp zwölf Minuten versucht, dem Team zu helfen. Er definiert sich nicht mehr nur über den Angriff, sondern steht auch hinten seinen Mann. Über Kurzeinsätze bisher nicht hinaus kam Gießens Längster und Ältester, Björn Schoo. Der 2,13-m-Riese hat einen guten Wurf aus der Mitteldistanz und bringt auch seinen Körper im Positionskampf zur Geltung.

Fazit: Eine Prognose, wer am Sonntag gewinnt, ist nicht einfach. Fällt Theodore bei den Skyliners verletzungsbedingt aus, steigen die Chancen der 46ers, da sie dann auf den Guard-Positionen qualitativ und quantitativ besser besetzt sind. Auf der Drei könnten die Mainstädter mit Doornekamp einen leichten Vorteil besitzen. Polas Bartolo muss einen guten Tag erwischen, um den Kanadier zu stoppen. Am Brett könnten die Frankfurter ebenfalls ein kleines Plus haben – mit den sich gegenseitig suchenden und gut harmonierenden Voigtmann und Barthel.

Beide Teams praktizieren das Mannschaftsspiel. Bezüglich der BBL-Erfahrung und des physischen Spiels haben die Skyliners sicherlich die Nase vorne. Letztlich wird aber die Tagesform entscheiden – und vielleicht der eine oder andere taktische Schachzug der Coaches Wucherer und Herbert. Auf jeden Fall können sich beide Fan-gruppen auf ein emotionales Derby freuen – Ausgang offen. Wolfgang Gärtner



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