09. September 2015, 13:33 Uhr

Ungewöhnliche »Nathan«-Inszenierung

Die Spielzeit in Marburg ist gestartet. Den Beginn machte eine ungewöhnlichen »Nathan«-Inszenierung .
09. September 2015, 13:33 Uhr
Sultan Saladin (Stefan Piskorz) trifft auf den Tempelherren (Moritz Pliquet), der Chor beobachtet jede Bewegung. (Foto: Red)

Am Anfang steht eine Grundsatzdiskussion: Ein Bücherbesitzer möchte eines seiner Bücher verleihen. Er könne es aber noch nicht aus der Hand geben, es sei voller Bleistiftnotizen, zuerst müsse er diese ausradieren. Nein, antwortet sein Gegenüber, das sei nicht nötig, er erfahre gerne die Gedanken des Erstlesers. Zwei Jugendliche diskutieren über das Markierungsproblem. Sie stehen vor dem Vorhang. Aber, entgegnet der Besitzer. »Willst du auf meinem vorgefertigten Pfad gehen? Pauschalreise statt Abenteuertrip?« Die Frage ist gestellt, der Vorhang öffnet sich, »Nathan der Weise« beginnt. Und mit ihm ein mutiger, 120-minütiger Abenteuertrip in die Spielzeit am Hessischen Landestheater Marburg – der am Samstag zwar von vielen, aber nicht von allen bejubelt wird.

»Was kann ein Theaterstück in mir noch bewegen, dessen Botschaft so fraglos zum bürgerlichen Common Sense geworden ist?«, fragt der 27-jährige Regisseur Nick Hartnagel im Programmheft. Nach seiner Inszenierung allerdings ist nichts mehr fraglos. 14 Jugendliche holt er auf die Bühne, um das 1783 uraufgeführte Werk um Humanität, Toleranz und Vernunft aufzuführen. Sie sind Darsteller, sind Bühnenbild in glänzenden Kostümen, und sie vereinen Chor, Volk und Jugendliche in sich – mal als verständige Zuhörer, mal als wütender Mob. Dabei machen sie ihre Sache beeindruckend gut.

Mauer aus Jugendlichen

Dazu ein Ensemble, das, wie schon vor über 200 Jahren, die Frage abwägt, welche Religion die Wahre ist. Lessing beantwortet die Frage in seinem Drama mit dem Gedanken der Aufklärung. Nathan, Sultan Saladin und der christliche Tempelherr liegen sich am Ende im Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge in den Armen. In Marburg nicht.

Dort steht der weise und kaum Gehör findende Nathan (Karlheinz Schmitt) auf einer kargen Bühne. Vor ihm eine Mauer aus Jugendlichen. Er will die Ringparabel erzählen, die Botschaft verkünden, dass alle Religionen gleichwertig sind. Der erste Jugendliche tritt vor, spuckt ihm ins Gesicht, die anderen machen es nach.

Zwischendrin im Drama um die Aufklärung kommt eine Puppe, geführt von Philip Lütgenau. Ein riesiger Schwellkopf mit hoher Stirn und weißer Perücke stellt sich als G. H. Lessing vor. Er will mitreden darüber, was aus seinem Stück gemacht wird. Er will kommentieren, philosophieren und das Publikum provozieren. »Ihr wollt doch alle Regietheater«, sagt er, und fordert die Besucher auf, zu wiederholen: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. « Der alte Mann wird von einem Jugendlichen weggeführt.

Das Drama nimmt weiter seinen Lauf. Eine überzogene Liebesgeschichte kommt vor: Zwischen dem Tempelherren (Moritz Pilquet) und Nathans überdrehter Adoptivtochter Recha (Lisa-Marie Gerl). Ein Englisch sprechender Sultan (Stefan Piskorz), der durch die Ringparabel vom Tyrann zum gutmütigen Vermittler wird, und die von Europa träumende Daja (Victoria Schmidt). Eher Karikaturen als Lessing-Figuren.

Hartnagel hat für seine Inszenierung die Markierungen aus dem Drama radiert. Er hat eigene dazugeschrieben. Zum Beispiel ein Zitat des umstrittenen Autors Ernst Jünger, das dem Tempelherren in den Mund gelegt wird: »Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch.« Der Regisseur hat das Drama in die Gegenwart geholt und infrage gestellt, wie zeitgemäß seine Botschaft noch ist. Die Aufführung ist ungewöhnlich, manchmal ist sie mit Ideen überladen. Dennoch gelingt es, »Nathan« auf einen neuen Pfad zu schicken, auf dessen Weg die Frage steht: Was ist von den Idealen der Aufklärung geblieben? Wohl nicht viel mehr als eine Pauschalreise. Sabrina Dämon

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