18. August 2015, 10:37 Uhr

Reiseliterarische Perlen zu Kreta

Wo kämen wir hin in Kreta ohne Strohmeyer, Fohrer, Bötig und die Klassiker? Nirgends! Wir stellen Ihnen reiseliterarische Perlen zu Kreta vor.
18. August 2015, 10:37 Uhr
Kouses, das Kräuterdorf

Da wollen wir mal mit der Tür ins Haus fallen, statt erst förmliche Spannung aufzubauen: Die auf der Titelseite beschriebenen Begegnungen und die Kaleidoskop-Motive wären nicht oder höchstens oberflächlich gewesen, ohne die hier zu präsentierenden Begleiter. Jeder der vier Titel ist uns zum Freund geworden, zumal das mit Bedacht gewählte »literarische Reise-Quartett« schon vor der Reise nach Kreta vorzüglich zu nutzen war – als regelrechtes Aufputschmittel.

Dem auf Kreta-Literatur spezialisierten Verlag Dr. Thomas Balistier sei Dank: Er legte Arn Strohmeyers »Faszination Kreta« (neu) auf und damit »Sorbas war ganz anders«, einen ehedem vergriffenen Bestseller des in diese Insel lebenslänglich verliebten Autors. Seit 1967 reist der Philosoph und Journalist dorthin; und immer kommt er mit einem Koffer voller Erinnerungen zurück, die er mitreißend zu erzählen weiß. (Sein ganzes Schaffen steht auf www.arnstrohmeyer.de.)

»Helden, die keine waren«

»Welcher andere Landstrich oder welche andere Insel auf dieser Welt kann mit so wunderbaren Landschaften, so viel Geschichte und Kultur, so offenen und herzlichen Menschen aufwarten?«, fragt der 73-Jährige, dessen Prosa ebenso ins klassische Feuilleton passt wie auf die Politikseiten eines Journals. Freilich sind die von Strohmeyer gepflegten Allzeit-Protagonisten in der Neuauflage mit von der Partie: Nikos Kazantzakis’ tatsächlich existierender Romanheld Alexis Sorbas, der mit Henry Miller befreundete Phaistos-Fremdenführer Alexandros Venetikos aus Vari, einem Dorf unweit der minoischen Stadt, die Blumenkinder von Matala, unter ihnen – »gleich in der Höhle neben mir« – ein Österreicher namens Georg Danzer († 2007), der Musiker und Liedermacher, dessen »Griechenland« freilich mit uns unterwegs war im Süden.

Strohmeyers Buch ist durchaus gefühlsbetont, ihm mangelt es ebenso wenig an Träumereien wie an klar geäußerten kritischen Anmerkungen. Nachgerade zu den Veränderungen, die die Insel während der vergangenen 50 Jahre zu verkraften hatte: Den Kretern unterliefen beim Aufbruch in die Moderne grobe Fehler, vor allem schmerzen den Ehrenbürger von Matala und vielfachen Lentas-Resident die (unter anderem dem Tourismus-Boom an Teilen der Nordküste geschuldeten) Bau- und Umweltsünden. »Reiche Natur voll landschaftlicher Schönheit und die archäologischen Schätze sind Kretas einziges Kapital; ein anderes gibt es nicht.«

Regelrecht sprachlos macht einen das Kapitel »Helden, die keine waren: Die Deutschen auf Kreta 1941 bis 1945«. Darin ist von unglaublichen Kriegsverbrechen die Rede, von Exekutionen und dem mörderischen Niederlegen ganzer Dörfer – und von einer deutschen Erinnerungskultur vor Ort bis in die Gegenwart der Erzählung hinein, die nicht zwischen Tätern und Opfern unterscheidet.
Fesselnd bis zur letzten Seite. Fortsetzung folgt – hoffentlich!

+++ Bildergalerie: Kreta-Kaleidoskop 1

+++ Bildergalerie: Kreta-Kaleidoskop 2

Anregend in jeder Beziehung ist auch das von Ulrike Frank im Unionsverlag Zürich herausgegebene Buch »Reise nach Kreta« aus der hier schon mehrfach gelobten Reihe »Kulturkompass fürs Handgepäck«: Sehr gute Auswahl an Autoren und mehr noch hinsichtlich der Themen. Der (politisch umstrittene) Erhart Kästner ist dabei, Thomas Balistier erzählt vom ersten Raki, Mikis Theodorakis von der Heimkehr nach der Verbannung, Kazantzakis vom Lebenskünstler Zorbas, Pandelis Prevelakis stellt »Mein Rethymno« vor, Georg Karo geht mit Arthur Evans zum Graben nach Knossos, Werner O. Feißt beschreibt die deutsche Besatzung und Ulrich Kadelbach lädt seine Leser ins Kafeníon ein. Am schönsten – zumal mit Strohmeyers Erinnerungen korrespondierend – Jacques Laccarières »Kretischer Sommer« und, ganz vorzüglich, Henry Millers »Den Sternen ein bisschen näher«.
Ein Buch voller Perlen, sehr präzise, nicht oberflächlich.

811 Gramm Enzyklopädie

Eberhard Fohrers »Kreta. Individuell reisen« ist kein Fall fürs leichte Fluggepäck: Aber die über 750- seitige Enzyklopädie ist eigentlich unverzichtbar für Menschen, die sich auf der Insel ihren Weg selbst bahnen wollen. Im Michel Müller Verlag sprechen sie von der »Kreta-Bibel«, die mittlerweile in der 20. Auflage zu haben ist, demnach schon zigtausendfach übern Ladentisch ging. Der Autor, ein gebürtiger Marburger (* 1952), zählt zu den alten Hasen, zu den Kennern von Land und Leuten, von Geschichte und Gegenwart, war nach dem Abitur zum ersten Mal dort – und ist nicht vom Mythos Kreta losgekommen. Die Fortschreibung, so sagt er, sei ihm »zur Lebensaufgabe« geworden. Warum Kreta? »Die Insel ist einzigartig, wild, ungezähmt und großartig – ein rauer Charakter, trotzdem voller Anmut und Poesie.« Gern bedient er sich der Literatur-Ikone Kazantzákis, wenn er seine Passion zu umschreiben hat: »Kreta, murmelte ich, Kreta – und mein Herz schlug schneller.«

An Fohrers Buch gefallen seine größtmögliche Aktualität hinsichtlich der für Reisende wichtigen Fakten etwa zu Hotels und Gasthäusern; die von uns vor Ort gegengecheckten Angaben waren alle zutreffend. Exzellent darüber hinaus die ausführlichen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Hintergrundberichte. Etwa jener zum Tourismus, in dem wir lesen, dass nur 30 Prozent dessen, was damit in Kreta verdient wird, im Land bleibt. Traurig! Das müsste doch ganz anders sein.
Dieses Buch hat Hand und Fuß, ist wichtig und – mit 811 Gramm – gewichtig.

Das weitere reisliterarische Juwel, das uns ein reizender Begleiter war, ist Klaus Bötigs Werk aus der Reihe »Merian Momente« (Travel House Media); eine mit Feingefühl komponierte Melange aus aktuellem Reiseführer und gutem Erzählbuch. Auch dieser Autor ist »ein alter Kreter« (* 1948), war 1973 erstmals bei den Nachfahren der Minoer. Schön, wie er Empfehlungen serviert für »Das kleine Glück«, wie er uns die Küche der Insel erklärt oder zu einem Bummel durch die privaten Museen einlädt. Beeindruckend auch hier der Blick in die jüngere Geschichte, der Exkurs über die Wehrmacht auf Kreta – und das Schweigen über den anschließenden Bürgerkrieg.

Alle vier Bücher sind entfachend, haben inhaltliche Qualität, zeugen von hoher Kreta-Kenntnis, sind mit sehr viel Zuneigung geschrieben – und alle vermeiden sie die allzu euphorischen Töne. Das allein schon zeichnet sie aus.       Norbert Schmidt

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