05. Juli 2015, 22:03 Uhr

Martinu setzt mit drei Miniaturopern in Frankfurt Zeichen

Ohne Sand im Getriebe: Opern-Trias von Bohuslav Martinu macht im heißen Bockenheimer Depot Laune.
05. Juli 2015, 22:03 Uhr
Sand in den Schuhen aus Hawaii hat hier niemand: Gleich wird in der »Komödie auf der Brücke« scharf geschossen. (Foto: Monika Rittershaus)

Liebe, Treue, Tod – drei Themenschwergewichte aus Philosophie und Psychologie einen drei kurze Opern des Tschechen Bohuslav Martinu. Die unabhängig voneinander komponierte Trias lässt die Frankfurter Oper im Bockenheimer Depot in der Regie von Beate Baron luftig und textgerecht dadaistisch schräg daherkommen. Das beschert dem Publikum am Samstag einen unvergesslichen Premierenabend.

Nicht nur, weil Baron die Handlungen dieser Frankfurter Erstaufführungen erfrischend absurd umsetzt, sondern auch, weil die Klimaanlage des Hauses einige Tage zuvor ausgefallen war und die Zuschauer bei mehr als 30 Grad Raumtemperatur die Programmhefte zum Luftzufächeln nutzen. Ein beinahe surrealer Effekt, der mit dem absonderlichen Bühnengeschehen korrespondiert. Alle Akteure sind nicht erst am Ende schweißgebadet.

Auch das Kammerorchester unter der Führung von Nikolai Petersen trotzt erfolgreich der Hitze. Für den jungen Solorepetitor ist es eine besondere Premiere: die erste Leitung einer Neuproduktion. Das Orchester verleiht der Musik federnde Attribute, die Martinu seinen Kompositionen stets einzuhauchen vermag – sei es mit Beigaben aus dem Jazz, dem Neoklassizismus oder mithilfe volkstümlicher Weisen und Lieder, wenn etwa am Ende des zweiten Einakters das Fagott ein kleines Solo anstimmt, das an das Chanson »Wenn die Liebe stirbt« erinnert.

Martinu hat die drei Miniaturopern zwischen den beiden Weltkriegen in den Jahren 1928, 1935 und 1937 in Paris komponiert. Dieses Zeitgefüge dient Regisseurin Baron als verbindende Klammer zwischen den Stücken. Zu sehen sind in den drei Werken ein Bretterzaun mit einem Sandhügel und einem dahinter hoch aufgeschichteten großen
Sandareal. Im Vordergrund variable Utensilien: Sofa, Badewanne und zu Beginn eine rote, die beiden weiblichen Protagonisten umhüllende Fahne (Bühnenbild: Yassu Ya-
bara). Hinzukommen immer wieder Radfahrer, lange ZZ-Top-Bärte, starre Blicke und kleine Techtelmechtel.

In »Messertränen« hat sich Eleonore in einen Erhängten verliebt, der sich als Satan entpuppt. Das pointierte Auftaktstück lebt musikalisch vom Jazz – das Orchester verzichtet auf Bass und Bratsche, wird aber um Saxofon und Banjo ergänzt. In »Zweimal Alexander« will Alexandre die Treue seiner Ehefrau Armande testen und verkleidet sich als sein eigener Cousin aus Texas. »Good
mööörning«, flötet Armande und ist sofort vernarrt in den schönen Amerikaner. Das Ganze, inklusive sprechendem Porträt und freudianischer Botschaft, nimmt ein unerwartetes Ende.

Ebenso wie Teil drei, die »Komödie auf der Brücke«, eine Funkoper – nicht musikalischer Funk, gesprochen: Fank, ist gemeint, sondern Funk, also Radio. Dem ursprünglich konzertanten Stück trotzt Baron imponierende Momente ab. Sie bietet dem Betrachter ein Tableau vivant, ein lebendes Bild, wenn ihre zwei Soldaten, die zu beiden Seiten des Sandhügels Stellung bezogen haben und niemanden mehr von der Brücke herunterlassen, mitsamt den Sängern minutenlang unbeweglich ausharren. Am Ende sind sie alle tot – ob sie glücklich gestorben sind wie in einer russischen Komödie, bleibt offen.

Die Sänger atmen den Geist der Werke. Sopranistin Elizabeth Reiter gibt in »Messertränen« eine schillernde Eleonore. Ihre Stimme fasziniert, die Bühnenpräsenz ist groß. Das trifft auch auf Sebastian Geyer zu, der gemeinsam mit der wandelbaren, ausdrucksstarken Katharina Magiera alle drei Opern singt. Der Bass von Thomas Faulkner hat Substanz, der Tenor von Simon Bode Ausstrahlung. Jessica Strong, Anna Ryberg und Maren Favela meistern ihre Rollen superb.

Diese Trias ist ein facettenreicher, detailverliebter Zirkus voller Humor. Wie für die vor zwei Wochen im Großen Haus an den Start gegangene Martinu-»Julietta« mit ihrem neoklassizistischen Glanz gilt auch für dieses Opern-Trio kurz vor dem Saisonabschluss: Unbedingt ansehen!

Manfred Merz

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