13. Mai 2017, 06:29 Uhr

Wenn der Rauch zum Nachbarn zieht

13. Mai 2017, 06:29 Uhr
Kann ein Vermieter das Grillen per Mietvertrag gänzlich untersagen?

Ja, das ist in einem Mehrfamilienhaus grundsätzlich möglich, sagt Anwältin Eue. Ist im Mietvertrag ausdrücklich Grillen auf Balkon oder Terrasse verboten, dann müssen sich Mieter auch daran halten.

Was droht bei Zuwiderhandlung?

Der Vermieter kann eine Unterlassung verlangen und abmahnen. Im Wiederholungsfall droht die Kündigung.

Und wenn es keine Regelung im Mietvertrag gibt, kann der Nachbar das Grillen untersagen?

Es gilt im Mietrecht wie im Nachbarschaftsrecht der Grundsatz der gegenseitigen Rücksichtnahme, sagt Anwältin Eue. In den Sommermonaten wird Grillen als durchaus üblich angesehen und muss als sozialadäquat geduldet werden. Allerdings dürfen Nachbarn nicht unzumutbar belästigt werden. Die Frage ist nur, was heißt das genau? In diesem Punkt ist die Rechtslage äußerst schwammig, sagt Eue. Maßgeblich sei das Empfinden eines Durchschnittsbenutzers, nicht das subjektive Empfinden eines einzelnen. Geringfügige Belästigungen fallen demnach unter das sogenannte Toleranzgebot. Gelegentliches Grillen müsse geduldet werden.

Was heißt »gelegentliches Grillen«?

Dazu gibt es keine einheitliche Regelung, sagt Eue. Eine Grilldauer von sechs Stunden im Jahr sei geringfügig und deshalb zumutbar, urteilte einst das Landgericht Stuttgart. Das Amtsgericht Bonn resümierte, einmal im Monat sei Grillen zulässig, wenn die anderen Hausbewohner 48 Stunden vorher darüber informiert würden. In Westerstede darf man zweimal im Monat und ohne Vorankündigung an den Grill. Extrem großzügig sieht es gar das Gericht in Berlin-Schöneberg, 25-mal im Jahr für jeweils zwei Stunden seien erlaubt.

Gibt es einen Unterschied zwischen Grillen auf dem Balkon eines Mietshauses und Grillen im eigenen Garten?

»Das kann man nicht prinzipiell sagen«, sagt Eue. Auch hier muss jeder Fall gesondert betrachtet werden. Es geht um Fragen wie: Ist der räumliche Abstand zum Nachbarn groß genug, zieht Ruß oder Rauch in dessen Wohnung oder Haus? Da kann das kleine Reihenhäuschen trotz Garten einen Nachteil gegenüber einem üppigen Dachgeschoss-Mietsbalkon haben. Eines sollten Grillfreunde allerdings immer beachten: Wenn starker Qualm in die Wohnung des Nachbarn dringt, ist es unerheblich, ob Grillen per Mietvertrag erlaubt ist oder nicht. Liegt nämlich ein Verstoß gegen das Immissionsschutzgesetz vor, ist das eine Ordnungswidrigkeit. Und die kann ein sattes Bußgeld nach sich ziehen.

Gibt es Grillzeiten, die einzuhalten sind?

Prinzipiell gilt: Ab 22 Uhr ist Nachtruhe, da darf der Nachbar nicht gestört werden – weder durch Rauchentwicklung noch durch Lautstärke.

Was kann man tun, wenn man sich von penetrantem Grillgeruch und -rauch der Nachbarn belästigt fühlt?

Der erste Schritt, sagt Eue, sollte immer die persönliche Konfliktlösung sein. Sprich: Mit dem vermeintlichen Missetäter reden. Unaufgeregt, freundlich, Ich-Botschaften senden, das Übliche eben, was ganz allgemein für jede Form von Konfliktbewältigung gilt. Wenn das nichts hilft, bleibt der Gang zum Vermieter. Er muss sich nach entsprechender Beschwerde um das Anliegen kümmern. Das heißt, er kann, wenn es sich tatsächlich um einen exzessiven Griller handelt, abmahnen und im Wiederholungsfall auch kündigen. Und wenn dem Vermieter alles herzlich egal ist? Dann bleibt die Möglichkeit der Mietminderung, sagt Anwältin Eue. »Beeinträchtigung des Wohnwertes« heißt der Sachverhalt in Juristendeutsch. Alternativ kommt eine Unterlassungsklage in Betracht.

Und wie klappt’s nun mit dem Nachbarn?

Zumindest auf Balkons sollte auf Holzkohlegrills verzichtet werden. »Es ist ratsam, dass dann ausschließlich Elektrogrills zum Einsatz kommen«, rät die Anwältin. Das mag zwar geschmacklich den einen oder anderen nicht sonderlich begeistern, es hat aber rechtlich zwei entscheidende Vorteile. Es wird nicht mit offener Flamme gegrillt. Und auch die Rauch- und Geruchsbelästigung ist deutlich geringer. Wer außerdem sein Grillevent vorher noch ankündigt oder bestenfalls gleich den Nachbarn einlädt, der dürfte auf der sicheren Seite sein, sagt Eue. Denn wer gefragt wird, reagiert selten so, dass die Situation eskaliert.


Die drei Grilltypen

Der Holzkohle-Griller: Er ist der Traditionsbewusste unter den Grillern, und der meist vertretene Typ in Deutschland. Rund 16 Millionen Haushalte zählen dazu. Oft: Junge Familien, die gerne mit Freunden im Garten feiern.

Der Elektro-Griller: Pragmatismus ist bei ihm oberstes Gebot. 6,5 Millionen Haushalte haben einen Elektrogrill. Typ: Singles, mittleren Alters, oft auch Senioren. Mangels Alternative ist der Balkon der Ort des Geschehens. Der Gas-Griller L aut Nieslen¬Studie der Genießertyp schlechthin. Auf jeden Fall ist er am seltensten in Deutschland anzutreffen. Lediglich 3,2 Millionen Haushalte gehören dazu.

Die typischen Gasgriller: kinderlose Familien, die gerne und immer grillen und für die der Grill auch als Ersatz zum Kochen herhält.

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